WÜRZBURG-HEIDINGSFELD – Eine ehemals hochindustrialisierte Produktionsstätte in Heidingsfeld wird wiederbelebt und das Mainufer für die Menschen an dieser Stelle zugänglich gemacht.
130 Jahre lang war das Grundstück in der Seilerstraße 20 Industriestandort für eine Ledergerberei, diverse weitere Gewerbebetriebe, lange für einen bekannten Safthersteller und am Ende wurde es aufgrund mangelnder sonstiger Verwendbarkeit teilweise zu einem Pkw-Parkplatz. Jetzt nimmt die Wandlung vom lost place zur Uferpromenade mit Spiel- und Freizeitbereich Formen an. Ziel ist, eine zusammenhängende öffentliche Grünverbindung in Form einer Freizeit- und Parkanlage zu gestalten, die die Bedürfnisse der Nutzenden und der Heidingsfelder Bürgerschaft berücksichtigt und gleichzeitig den komplexen Bedingungen gerecht wird.
Vorhandene Bodenverunreinigungen, verursacht durch die Ledergerberei, die um 1900 größte Arbeitgeberin Heidingsfelds war, und die Lage im Überschwemmungsgebiet von Main und Heigelsbach bringen große Herausforderungen mit sich. Die Mitglieder des Planungs -und Mobilitätsausschusses haben jetzt im Oktober einstimmig den Bau- und Finanzierungsbeschluss für die Planungen der Stadtverwaltung gegeben. Bleibt das Vorhaben im Zeitplan, ist der Baubeginn für Sommer 2027 und Bauende für Sommer 2029 vorgesehen.
Was ist geplant?
Der Gewinner des Realisierungswettbewerbs, das Büro hutterreimann Landschaftsarchitektur aus Berlin, hat sein Augenmerk auf die Verknüpfung des Uferwegs mit dem Altort Heidingsfelds gelegt, auf die Öffnung einer Achse zum Ufer hin. Die Uferpromenade soll, nach den ersten Entwurfsideen, mäandernd den Schwung des Flusses und der Landschaft aufnehmen und mit Richtungswechseln auch andere spannende Blickrichtungen ermöglichen. Die Grünanlage soll vielfältige Freizeitmöglichkeiten für alle Generationen bieten. Auf dieser Basis entstand nun das Feintuning.
Die mäandrierende Uferpromenade soll sich über einen halben Kilometer Länge von Ost nach West über das gesamte Areal erstrecken und bildet das Kernstück der Planung. Die Wegführung unterstreicht den Charakter der neuen Parklandschaft am Wasser. Die stark bewachsene Uferböschung wird gelichtet, so dass interessante Durchblicke entstehen. Der offizielle Radweg führt weiterhin von Osten auf das Gebiet zu und verläuft auf der Seiler-, Werking-, Kloster-, Wenzelstraße ins Städtle. Eine Beleuchtung ist, wie bei allen anderen Uferwegen der Stadt Würzburg, nicht vorgesehen. Nebenwege bleiben überwiegend erhalten und werden instandgesetzt. Um sicher zu dem neuen Freizeitgelände zu kommen, soll eine Mittelinsel in der Seilerstraße auf Höhe des Seegartenwegs gebaut werden.
Sie soll so groß ausgestaltet werden, dass sie ausreichend Schutzfläche für Rollstuhlfahrende, Radfahrende, Personen mit Kinderwagen, Rollatoren bietet. Die Mindestanforderungen mit einer Frequentierung von mindestens 50 Querungen pro Stunde, die einen Zebrastreifen ermöglicht hätten, sind nicht gegeben. Auf Ersuchen der Bürgerschaft, des Bürgervereins sowie des Ausschusses wird jedoch für die Überquerung parallel eine Lichtsignalanlage ins Auge gefasst.
Eine Bodenplatte aus Beton ist heute die größte Herausforderung bei der Umplanung des Areals. Die ruderal begrünte und verwitterte Fläche muss aufgrund von Bodenverunreinigungen weitestgehend in ihrer Materialität erhalten bleiben und bildet Grundlage für einen Freiraum, der die Spuren der Zeit nicht verwischt: Auf etwa 1.000 m² soll ein Betongarten entstehen, sowohl mit nutzbaren als auch nicht betretbaren Elementen. Der zugängliche Bereich erhält Grillplätze, Picknicktische und Tischtennisplatten.
Wesentliche Voraussetzung der Neugestaltung war die Schaffung eines Zugangs zum Mainufer. Aufgrund der nun aber offenbar gewordenen, flächigen Bodenverunreinigungen besteht die Gefahr, dass bei direkten Eingriffen in Ufer- und Wassernähe gesundheitsschädliche Schadstoffe mobilisiert werden und ein unkalkulierbarer umfangreicher Bodenaustausch notwendig wird. Auf Empfehlung der Fachbehörden Wasserwirtschafts-, Umwelt- und Gesundheitsamt sowie dem Fachgutachter wird die Uferzone nicht verändert, sondern Rückhalteflächen und wechselfeuchte Senken konzipiert. Diese Senken bieten Retentionsraum bei Hochwasser und werden terrassiert und bepflanzt. Vier der bisher sechs vorhandenen Maintreppchen werden ertüchtigt und bieten einen guten Zugang zum Wasser.
Im Park entsteht ein neuer Spiel- und Freizeitbereich mit einem Streetballfeld, Scooter-Parcours und Spielskulptur. Eine öffentliche Toilette, wie in den Bürgerbeteiligungen gewünscht, lässt sich leider nicht verwirklichen, da diese in Überschwemmungsgebieten nicht zulässig sind. Es wird stattdessen eine Wegbeschilderung zu den nächsten öffentlichen Toiletten im Grünzug an der Werkingstraße und am Rathausplatz in Heidingsfeld geben. Da der bislang bestehende Parkplatz wegfällt, beinhaltet die Planung einen neuen Parkplatz mit 45 Stellplätzen mit Bepflanzung von trockenheitsresistenten Bäumen.
Die gesamte Fläche des Plangebiets beträgt 19.200 m². Nur die Hälfte der Fläche gehört im Übrigen der Stadt Würzburg, die andere ist im Eigentum der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung. Die Baukosten für die Stadt Würzburg belaufen sich nach derzeitigem Stand auf geschätzt 3 Millionen Euro. Mehrkosten sind möglich bei neuen Erkenntnissen in Bezug auf Öl- und weitere vorhandene Bodenverunreinigungen. Die Maßnahme wird voraussichtlich mit bis zu 80 % über das Bund-Länder-Städtebauförderungsprogramm „Klima wande(l)t“ gefördert.
Geschichte des Geländes
1892 Erwerb des ehemaligen Areals der „Froschmühle“ von der Glacé-Lederfabrik Oestreicher für eine Ledergerberei
1903 zählt die Glacélederfabrik zum bedeutendsten Arbeitgeber in der Stadt Heidingsfeld
1938 „Arisierung“ des jüdischen Unternehmens und Deportation von Teilen der Familie Oestreicher
bis 1941 Fortführung der Lederfabrik von der Firma Emil Waeldin
1943-1958 Firma Kindermann, Herstellung fotografischer Dunkelkammergeräte
1945 Zerstörung des Betriebsgeländes zu 50-70 Prozent
1947-1950 Teilinstandsetzung
1958–1997 Firma Bayla, Saftherstellung
1997 Erwerb des Grundstücks durch die Stadt Würzburg
Feststellung von Bodenbelastungen, verursacht durch die Ledergerberei
2013 Abriss des Betriebsgebäudes und Auskofferung des Bodens bis zu einer Tiefe von drei Metern
2020 Altlastensanierung auf einer Teilfläche im Plangebiet
Nutzung einer Teilfläche als Parkplatz
Bis 2021 drei Bürgerbeteiligungen
2022-2024 Ideen- und Realisierungswettbewerb zur Neugestaltung des Mainufers mit VgV-Verfahren
2026 Finanzierungs- und Baubeschluss für die Umgestaltung
Gegenwärtig Feststellung von Ölverunreinigungen, Grundwasserprobenahmen, Sondierungen und Bodenaufschlüsse, Wasserrechtsverfahren (aufgrund der Lage im Überschwemmungsgebiet notwendig)
Geplanter Baubeginn Sommer 2027
Auf den Bildern:
- Blick auf die Betonbodenplatte, auf der lange die Saftfabrik stand. Die Planung sieht vor, die Platte weitestgehend zu erhalten und sie in zwei Bereiche aufzuteilen: in einen Freizeitbereich und in einen nicht zugänglichen Bereich, in dem die Natur Teile der Brachflächen zurückgewinnt.
Foto: FB Stadtplanung - Das Plangebiet umfasst 19.200 m² und soll eine Freizeitfläche werden.
Plan: hutterreimann, Berlin


