Wengertsrunde mit dem Gochsheimer Reichsschultheiß: Wer weiß, dass es in Gochsheim mal Weinanbauflächen gab?

Wengertsrunde mit dem Gochsheimer Reichsschultheiß: Wer weiß, dass es in Gochsheim mal Weinanbauflächen gab?

GOCHSHEIM – 30 wissens- und weindurstige Gäste, optimales Wetter – ideale Voraussetzungen für die Wengertsrunde, also eine Führung durch das Gebiet der früheren Gochsheimer Weinflächen, mit Reichsschultheiß Bernhard Ludwig und dem Wengertshüter Ralf Schöner.

Ludwig stützte sich bei seinen Ausführungen auf eigenes Wissen und die Chronik des verstorbenen Walfried Hein.

Da Wasser oft keimbelastet war, trank das gemeine Volk ab Kindesbeinen Bier, Most und Wein. Deshalb gehörte Gochsheim mit seinen 50 Hektar Weinanbaufläche zu den Winzerdörfern, die jährliche Ernte betrug rund 600 Fuder, etwa 500.000 Liter Wein. Der Zeitpunkt der Weinlese, Ende Oktober bis Mitte November, wurde durch den Reichsschultheiß vorgegeben. Vorzeitige Weinlese bzw. das Betreten der Weinflächen wurden bestraft. Über die Einhaltung wachte der Wengertshüter, der in seinem Wengertsturm sitzend, auch die einfallenden Stare mit seiner Klatsche vertreiben musste.

Bis zum letzten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts wurde im Wengert (= Weingarten) weder gespritzt noch vor der Ernte geschnitten. Die Erträge waren niedrig und die Weine der Rebsorte Gutedel weiß waren keine Gourmetweine. Um 1890 mehrten sich Wucherungen an den Rebstöcken, eine Kommission wurde einberufen – vergeblich. Bis 1900 ging die Hälfte der Weinstöcke ein, Grund: die aus den USA eingeschleppte Reblaus.

Gochsheim war wasserreich und so rodeten die Weinbauern die meisten Rebstöcke und wurden stattdessen Gemüsebauern, zunächst für die Selbstversorgung, in der Folgezeit aber auch als Versorger für Städte und das Umland. Wo zuvor Weinreben standen, wuchsen Hackfrüchte, Getreide und Gemüse. Der Main sorgte für gemäßigte Temperaturen und so wurden zwei bis drei Kulturen pro Jahr geerntet. Durch Gewächshäuser verbesserte sich der Ertrag zusätzlich. Heute gibt es in Gochsheim nur noch Hobby-Weinbauern, einer davon Bernhard Ludwig.

Nach der etwa einstündigen Führung sorgten Ilse und Bernhard Ludwig und Helene Schöner für das leibliche Wohl der Gruppe mit Wein, Bier und Gerupftenbroten, dazwischen Anekdoten aus der Kindheit. Mit Beifall und Dankesworten verabschiedeten sich die Gäste bei ihren Gastgebern

Auf den Fotos:

Bernhard Ludwig erklärte den Teilnehmenden die Herkunft mancher Flur- und Straßennamen, bevor die Gruppe ein Teilgebiet der früheren Weinanbaufläche ablief.

Wengertshüter Ralf Schöner bekam ausnahmsweise ein Bier, während Bernhard Ludwig über den Wein und Trinkgefäße erzählte.

Ein schattiges Plätzchen und eine deftige Brotzeit im Garten von Bernhard Ludwig waren Lohn für die interessierten Teilnehmer.

Text und Bilder: Peter Volz

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