SCHWEINFURT / MAIN-RHÖN – Vor den anstehenden Tarifverhandlungen für den Handel hat sich die regionale Tarifkommission Unterfranken für den Groß- und Außenhandel sowie für den Einzel- und Versandhandel der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) am Freitag in Schweinfurt zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Branche beraten und eine gemeinsame Orientierung für die Tarifrunde verabredet.
Die Tagung in Schweinfurt markieren den Auftakt für die Tarifrunde, begleitet von den laufenden Befragungen der Beschäftigten. Am 8. Mai 2026 beginnen dann die Tarifverhandlungen für die rund 500.000 Beschäftigten im Einzelhandel und bereits am 29. April 2026 für die rund 260.00 im Groß- und Außenhandel in Bayern.
Im Mittelpunkt stehen Forderungen nach Einkommenssteigerungen, die deutlich über der Inflation liegen. „Die Beschäftigten des Handels brauchen dringend eine Erhöhung der Einkommen, denn steigende Mieten, ausufernde Spritkosten und hohe Energiepreise sind zu einer enormen Belastung für die Beschäftigten des Handels geworden, so Peter König, Gewerkschaftssekretär für den Handel in Unterfranken. „Am Monatsende bleibt kaum Geld übrig und vielen Beschäftigten droht die Altersarmut. Deshalb ist jetzt umso wichtiger, dass wir spürbar mehr Geld bekommen“, so König weiter.
Für die Beschäftigten des Einzel -und Versandhandel in Bayern lautet die Forderung:
Erhöhung der Löhne und Gehälter um 222 €
Erhöhung der Ausbildungsvergütung um 150 €
Erhöhung der unteren Beschäftigungsgruppen und Löhne auf ein rentenfestes Mindesteinkommen von 14,90 € in der Stunde
Die Laufzeit soll 12 Monate betragen
Für die Beschäftigten im Groß- und Außenhandel in Bayern lautet die Forderung:
Tabellenwirksame Erhöhungen der Entgelte um 7 % (Ausgangswert: QF W2)
Erhöhung der Auszubildendenvergütung um 150 €
Die Laufzeit soll 12 Monaten betragen
Der Austausch hat gezeigt: „Die Beschäftigten in den Betrieben sind kampfbereit. Zentral für alle ist der Anschluss an die Löhne in anderen Branchen. Hier sind die Arbeitgeber in der Verantwortung, weil der Bruttodurchschnittsverdienst im Einzelhandel deutlich unter dem Bruttodurchschnittsverdienst der Gesamtwirtschaft liegt und ein Großteil von Beschäftigten akut von Altersarmut bedroht ist“, so ver.di Sekretär König.
Die Legitimität der beschlossenen Forderungen untermauert eine breite Beschäftigtenbefragung der letzten Wochen unter den Beschäftigten in den Betrieben. Im Großhandel gaben nur 14 % der Beschäftigten an, dass ihr Einkommen ausreicht, um ihren Lebensunterhalt zu decken. 88 % der Befragten im bayerischen Einzelhandel gaben an, dass ihre Rente aus dem derzeitigen Gehalt nicht vor Altersarmut schützt.
„Die Verhandlungen finden in stürmischen Zeiten statt, in denen Arbeitgeber unbezahlte Karenztage und längere Arbeitszeiten fordern, die Politik soziale Verschärfungen ankündigt und die Kanzlerpartei Teilzeit-Beschäftigte mit dem Label „Lifestyle-Teilzeit“ der Faulenzerei bezichtigt. Dabei wissen die Beschäftigten im Handel nur zu gut: Teilzeit ist dort meist von den Arbeitgebern erzwungen, was ebenfalls zu niedrigen Löhnen und leider auch zu niedrigen Renten führt“, sagte König.
„Arbeiten im Handel ist Knochenarbeit. Ein Einkommen, von dem die Beschäftigten leben können, ist dringend geboten. Das ist momentan nicht der Fall. Hier müssen die Arbeitgeber deutlich nachbessern. Dazu zählt auch ein Bekenntnis zur Tarifbindung. Weit über 80 Prozent der Handelsbetriebe wenden keinen Tarifvertrag an. Das ist unhaltbar! Denn nur Tariflöhne sind existenzsichernd. Die erwarten wir von den Arbeitgebern“, so der Gewerkschafter. Derzeit verwenden die meisten Beschäftigten im Handel 70 Prozent ihres Einkommens für Miete, Lebensmittel und Energieversorgung.
„Nach Abzug der Fixkosten haben die Handelsbeschäftigten so gut wie kein freiverfügbares Einkommen. Die Grundversorgung frisst praktisch das ganze Geld auf. Deshalb braucht es dringend steigende Einkommen, damit die Beschäftigten auch Geld zur Verfügung haben, etwa für Bildung, Gesundheit, Rücklagen oder – wie von der Politik gefordert – um fürs Alter zusätzlich vorzusorgen“, sagte König.
Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft drängt daher auf mehr Vollzeit-Beschäftigungsverhältnisse. „Der Handel ist eine der expandierenden Branchen. Doch statt mit mehr Vollzeitjobs mehr Sicherheit zu signalisieren, werden immer mehr Teilzeit- und Minijobs vergeben. Das muss sich in Zukunft ändern, damit die Menschen von ihrer Hände Arbeit leben können.“ Derzeit sind fast 40 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel teilzeitbeschäftigt. Mehr als 17 Prozent von ihnen sind ausschließlich geringfügig beschäftigt. Hinzu kommen weitere neun Prozent Nebenjobberinnen und Nebenjobber.
Eckdaten:
Der Handel macht in Deutschland 2,52 Billionen Euro Gesamtumsatz (Vorläufige Zahlen Destatis für 2025);
2024 waren es noch rund 2,1 Billionen Euro, davon 792 Milliarden Euro im Einzelhandel und 1,32 Billionen Euro im Groß- und Außenhandel. 74,4 Milliarden Euro davon sind reiner Gewinn, davon 29,7 Milliarden Euro im Einzelhandel und 44,7 Milliarden Euro im Groß- und Außenhandel.
Eine Kauffrau / ein Kaufmann im Einzelhandel ab dem 6. Berufsjahr in Bayern verdient rund 3.223 Euro brutto.
Eine Kauffrau / ein Kaufmann im Groß- und Außenhandel in Bayern verdient rund 3.302 Euro brutto.
Auf dem Bild: Mitglieder der regionalen Tarifkommission auf dem Marktplatz in Schweinfurt
Foto: ver.di

