Sennfeld. Ein Ort, der so klingt, als würde man beim Sagen schon auf halbem Weg stehen bleiben. „Sennf…“ – und das reicht auch. Denn wer hier lebt, weiß: Weiter muss man gar nicht.
Hier wird nicht mit Superlativen gearbeitet, sondern mit Grillzangen, Grumbiere und einem tiefsitzenden Misstrauen gegenüber allem, was von „außerhalb“ kommt – zum Beispiel aus Gochsheim.
Politik? Joa. Feuerwehrfest? Pflicht!
Es gibt Momente, da scheint die Demokratie zu versagen. Dann wieder gibt es Sennfeld – wo die höchste Form der Teilhabe nicht im Wahllokal, sondern im Bierzelt stattfindet. Denn während bei der Kommunalwahl mit Ach und Krach 60 % zur Urne gehen, hat das Feuerwehrfest eine gefühlte Wahlbeteiligung von 137 %.
Selbst Leute, die in den 90ern weggezogen sind, tauchen plötzlich wieder auf. Ein Phänomen, das Soziologen als „Bierbank-Rückwanderung“ bezeichnen würden, wenn sie sich trauen würden, nach Sennfeld zu fahren.
Der Dorfkern pulsiert – aber nur im Sommer. An 362 Tagen im Jahr hat Sennfeld den Puls eines schlafenden Maulwurfs. Doch dann: Feuerwehrfest oder Kirchweih. Plötzlich wird der Plan zur Wallfahrtsstätte, das Vereinsheim zur Alltagsflucht, und die Musikkapelle spielt Lieder, die keiner kennt, aber jeder mitsummt. Und natürlich die Tombola – Hauptgewinn: ein Präsentkorb mit sechs regionalen Wurstwaren und einem Sack Streusalz. Keine Ironie – pures Glück.
Die wahre Ordnungsmacht: das Kuchenbuffet
Während im Rest der Welt über Inflation und Klimaziele diskutiert wird, regelt Sennfeld seine Gesellschaft noch über die Anzahl der belegten Tortenplatten pro Bäckerin. Eine Linzertorte zu wenig, und du bist raus aus der inneren Zirkulation. Du darfst noch grüßen, aber niemand antwortet.
Sozialer Tod durch Kuchenabstinenz.
Das Fest ist mehr als ein Ereignis – es ist eine Vergewisserung, dass die Welt noch in Ordnung ist, solange der Grill raucht, die Blasmusik spielt und die Fässer fließen wie der Main bei Hochwasser.
Sennfeld ist nicht spektakulär. Es will das auch gar nicht sein. Es ist eine gut geölte Sozialmaschine mit Feuerwehrfahne, wo man nicht diskutiert, sondern macht halt – und wenn man was zu meckern hat, macht man’s halt hinter vorgehaltener Bratwurst.
Das Feuerwehrfest ist der Sennfelder G20-Gipfel – nur mit weniger Gewalt, aber mehr Brötchenhälften. Und mal ehrlich: Wann hat dir zuletzt ein EU-Gipfel ein „Schaschlik für drei Euro“ gegeben?
Fabian Riedner für www.mainfranken.news

