GRAFENRHEINFELD – Mit einer würdevollen Gedenkfeier am Ehrengrab im Kirchenfriedhof hat die Gemeinde Grafenrheinfeld an Allerheiligen der Opfer von Krieg, Gewalt, Verfolgung, Flucht und Vertreibung gedacht.
Im Mittelpunkt stand dabei erneut die Erinnerung an die Bombennacht vom 24. auf den 25. Februar 1944, die als wohl dunkelstes Kapitel der Grafenrheinfelder Ortsgeschichte bis heute tief im Gedächtnis der Gemeinde verankert ist.
Gemeinsam mit zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern, den Vertretern der politischen Gemeinde, Fahnenabordnungen der örtlichen Vereine sowie einer Abordnung der Bundeswehr aus Hammelburg wurde der Toten gedacht. Für die Infanterieschule nahm Oberstleutnant Markus Pregitzer, Leiter des Bereiches Unterstützung, an der Gedenkfeier teil. Grafenrheinfeld und die Bundeswehr in Hammelburg verbindet seit mittlerweile 39 Jahren eine enge Patenschaft.
„Für uns Grafenrheinfelder ist diese Gedenkfeier weit mehr als ein fester Termin im Jahreskalender. Wir erinnern hier an Menschen aus unserem eigenen Ort, an Familien und an Namen, die bis heute in Grafenrheinfeld bekannt sind“, sagte Erster Bürgermeister Christian Keller.
Besonders die Bombennacht des Jahres 1944 prägt die Erinnerung bis heute. Bei den verheerenden Luftangriffen vom 24. auf den 25. Februar 1944 wurden rund 85 Prozent der Gebäude Grafenrheinfelds zerstört. 32 Einwohner verloren in dieser Nacht ihr Leben. Weitere Grafenrheinfelder kamen bereits 1943 bei einem Luftangriff auf Schweinfurt sowie beim Beschuss am 8. April 1945 ums Leben. Insgesamt erinnern die Namen von 38 Menschen auf dem Gedenkstein an die Opfer des Krieges aus der Gemeinde.
Viele der Familiennamen sind bis heute eng mit Grafenrheinfeld verbunden. Für Keller macht gerade dies die Erinnerung so unmittelbar: „Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Hinter jedem Namen stehen eine Familie, Eltern, Kinder, Geschwister, Nachbarn und Freunde. Genau deshalb dürfen wir solche Ereignisse niemals nur als historische Zahlen betrachten.“
Noch immer sind in vielen Grafenrheinfelder Familien die Erzählungen der Eltern und Großeltern lebendig. Sie berichten von Fliegeralarm, vom Schutzsuchen in Kellern, von Bombeneinschlägen, brennenden Häusern und der verzweifelten Suche nach Angehörigen.
Auch die umfangreichen Dokumentationen des ehemaligen 3. Bürgermeisters und Ortshistorikers Dr. Ludwig Weth haben dazu beigetragen, zahlreiche persönliche Erinnerungen von Zeitzeugen zu bewahren. Viele Berichte erzählen von Menschen, die verschüttet wurden, Angehörige verloren oder nur knapp dem Tod entkommen sind.
Ein besonders bewegendes Zeugnis stammt von Juliane Hartmann aus Bergrheinfeld. Sie war zur Zeit der Bombennacht 16 Jahre alt und hatte sich gemeinsam mit einer Freundin über die Mainbrücke nach Grafenrheinfeld gewagt, um zu helfen. Ihre Erinnerungen hat sie später in einem Gedicht verarbeitet.
Darin stellt sie die schlichte und zugleich erschütternde Frage:
„Sag, Mama, das soll der Friede sein?
Mein Vater kam aus dem Krieg noch nicht heim.“
Weiter heißt es:
„Ich war noch ganz klein, als er Abschied genommen.
Er versprach mir dabei, bald wieder zu kommen.“
Auch die Sorge um den eigenen Bruder kommt in dem Gedicht zum Ausdruck:
„Mit 17 Jahren musste er uns verlassen,
unsere Mutter konnte es gar nicht fassen.
Wir haben ihn Jahre nicht mehr gesehen.
Ist er gefallen, oder wird er noch leben?“
Hartmann beschreibt auch die Ungewissheit, die viele Familien über Jahre begleitet hat:
„Die Ungewissheit nagt am Herzen,
es sind die schlimmsten seelischen Schmerzen.“
Besonders eindringlich ist schließlich der Blick auf eine Mutter, deren Söhne in den Krieg ziehen mussten:
„Vier Söhne standen an der Front im Bombengeprassel,
zwei davon mussten ihr Leben lassen.“
Und immer wieder kehrt die bedrückende Frage zurück:
„Mein Gott, soll das jetzt der Friede sein?“
Für Bürgermeister Keller bringen diese Zeilen das Schicksal vieler Familien auf besondere Weise zum Ausdruck: „Wenn ein Kind fragt, ob das wirklich Frieden sein soll, obwohl der Vater nicht zurückgekehrt ist, wenn eine Schwester nicht weiß, ob ihr Bruder noch lebt, oder eine Mutter ihre Söhne verloren hat, dann bekommt Krieg ein Gesicht. Genau diese persönlichen Schicksale dürfen wir nicht vergessen. Solche Zeilen gehen auch nach mehr als 80 Jahren nahe.“
Die Gemeinde sieht es deshalb als wichtige Aufgabe an, die Erinnerung an die Bombennacht auch für kommende Generationen lebendig zu halten.
„Die Generation, die diese Zeit selbst erlebt hat, wird immer kleiner. Viele Zeitzeugen sind bereits verstorben. Damit wächst unsere Verantwortung, ihre Erlebnisse weiterzugeben. Unsere Kinder und Enkel sollen wissen, was hier geschehen ist und wie schnell Frieden und Sicherheit verloren gehen können“, betonte Keller.
Das Gedenken an die Vergangenheit bekommt nach Ansicht des Bürgermeisters gerade in der heutigen Zeit eine neue Aktualität. Kriege in Europa und anderen Teilen der Welt zeigten erneut, wie zerbrechlich Frieden sein könne.
„Wir haben über Jahrzehnte erleben dürfen, wie selbstverständlich Frieden für uns geworden ist. Aber Frieden ist niemals selbstverständlich. Er muss bewahrt werden – im Großen zwischen Staaten, aber auch im Kleinen im täglichen Umgang miteinander“, sagte Keller. „Respekt, Achtung und die Bereitschaft, einander zuzuhören, sind dafür entscheidend.“
Ein besonders eindrucksvolles Bild bot auch in diesem Jahr die Ehrenwache am Massengrab der Opfer der Bombennacht. Fackelträger des Gemeinderates und der Bundeswehr standen dort stellvertretend für die politische Gemeinde und die Patenkompanie.
„Die Fackelträger am Massengrab setzen ein stilles, aber sehr starkes Zeichen“, so Keller. „Sie stehen dafür, dass wir die Menschen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben, nicht vergessen haben und dass ihre Geschichte zu unserer Geschichte gehört.“
Im Rahmen der Gedenkfeier wurden zwei Kränze niedergelegt: einer im Namen der Gemeinde Grafenrheinfeld und einer im Namen der Bundeswehr. Gemeinsam erinnerten Gemeinde und Bundeswehr damit an die Todesopfer der Bombardierung von Grafenrheinfeld, an die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege sowie an alle Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft, Verfolgung, Gefangenschaft, Vertreibung und Flucht. Eingeschlossen wurden auch die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Zeit sowie Soldaten, Polizisten und Einsatzkräfte, die im Dienst ihr Leben verloren haben.
Zum Abschluss dankte Bürgermeister Keller allen, die die Feier begleitet und mitgestaltet haben. Sein Dank galt der Kirchenmusik, den Fahnenabordnungen der Vereine, den Fackelträgern des Gemeinderates und der Bundeswehr sowie allen Bürgerinnen und Bürgern, die an der Gedenkfeier teilgenommen haben.
„Dass Jahr für Jahr Menschen zu dieser Gedenkfeier kommen, zeigt, dass die Erinnerung in Grafenrheinfeld weiterlebt“, sagte Keller. „Die Toten können ihre Geschichte nicht mehr selbst erzählen. Wir können es. Und wir werden dafür sorgen, dass die Erinnerung an die Bombennacht und an das Leid des Krieges in Grafenrheinfeld nicht verblasst.“
Für die Gemeinde ist dieses Erinnern dabei nicht nur ein Blick in die Vergangenheit. Es ist zugleich ein Auftrag für die Zukunft.
„Wenn wir aus der Erinnerung die Verpflichtung ableiten, uns für Frieden, Freiheit und ein respektvolles Miteinander einzusetzen, dann hat unser Gedenken einen Sinn“, so Christian Keller.
Text: Christian Keller
Fotos: Kerstin Keller






