SCHWEINFURT – Stellenabbau, Verlagerungen und zunehmender Druck auf Standorte und Beschäftigung: Die Situation in der Automobil- und Zulieferindustrie spitzt sich weiter zu. Mit der klaren Botschaft „Zukunft statt Kahlschlag“ beteiligten sich etwa 1.000 Kolleginnen und Kollegen am bundesweiten Automobil-Aktionstag der IG Metall.
Im Rahmen zweier Informationsveranstaltungen des Betriebsrats der ZF Friedrichshafen AG in Schweinfurt – eine vor Werk Nord, eine vor Werk Süd – setzten sie ein deutliches Zeichen für sichere Arbeitsplätze und die Zukunft des Industriestandorts. Als Gäste nahmen auch Betriebsräte der regionalen Automobilzulieferer SKF Automotive in Schweinfurt, Preh in Bad Neustadt, Lisi Automotive in Mellrichstadt und Fränkische Industrial Pipes in Königsberg in Bayern teil.
Dass die Region besonders gebeutelt ist, machte Betriebsrat und IG Metall mit einer symbolischen Aktion sichtbar. Direkt vor der Bühne blieben die ersten Reihen leer. An ihrer Stelle standen hunderte Schuhpaare, die Kolleginnen und Kollegen über Wochen gesammelt hatten. In Reihen aufgestellt, machten sie jene sichtbar, die in den vergangenen Jahren ihre Arbeitsplätze verloren hatten oder die Betriebe verlassen mussten. Seit 2023 sind bereits 5000 Arbeitsplätze in der Region verloren gegangen. Ein weiterer Abbau von 2.500 Arbeitsplätze ist in Summe in den Industriebetrieben der Region angekündigt.
Die Schuhe erinnerten daran, dass mit jedem abgebauten Arbeitsplatz auch Erfahrung, Wissen und Kompetenz verloren gehen. Sie standen als Mahnung dafür, dass Transformation nur gelingen kann, wenn die Menschen, die sie gestalten sollen, eine verlässliche Perspektive in ihren Betrieben haben.
Die Aktion stand dabei nicht nur für das, was bereits verloren gegangen ist. Die Erfahrungen der vergangenen Monate zeigen zugleich, dass Beschäftigte und ihre Interessenvertretungen Veränderungen mitgestalten können.
Gerade bei ZF konnten die ursprünglichen Planungen, die Eigenfertigung im Bereich Elektromobilität aufzugeben, verändert werden.
Thomas Höhn, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Schweinfurt, machte bei der Aktion deutlich: „Es geht um mehr als einzelne Arbeitsplätze oder Betriebe. Es geht um die industrielle Zukunft unserer gesamten Region. Wir haben bei ZF erlebt, dass Unternehmensstrategien nicht in Stein gemeißelt sind. Entscheidungen können verändert, Technologien gehalten und industrielle Wertschöpfung gesichert werden, wenn Unternehmen gemeinsam mit Beschäftigten und Betriebsräten nach neuen Lösungen suchen. Auch bei ZF ist längst nicht alles gut, und es gehen weiterhin Arbeitsplätze verloren. Aber der Weg zeigt: Transformation muss nicht automatisch Kahlschlag bedeuten. Die Beschäftigten haben bewiesen, dass sie Veränderungen mitgestalten können. Diese Bereitschaft erwarten wir grundsätzlich von den Unternehmen der Branche. Zukunft entsteht durch Investitionen, Innovationen und industrielle Perspektiven.“
Arthur Widiker, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei ZF, unterstrich, dass die Kolleginnen und Kollegen eine verlässliche Perspektive brauchen und daraus neue Zuversicht entstehen kann. Kostensenkungen und Personalabbau allein schafften kein Vertrauen in eine tragfähige Zukunft des Standorts. Bei allen Schwierigkeiten gebe es auch positive Signale. Ziel müsse ein Standort sein, der sich im Konzern als technologischer und innovativer Leuchtturm etabliert und an denTechnologien, Kompetenzen und möglichst viel Wertschöpfung erhalten und weiterentwickelt werden.
Der Schweinfurter Aktionstag ist Teil bundesweiter Proteste der IG Metall an zahlreichen Standorten der Automobil- und Zulieferindustrie. Mehr als 200 Aktionen in rund 80 Geschäftsstellen finden statt. Die Beschäftigten wenden sich gegen kurzsichtige Krisenstrategien, die vor allem auf Stellenabbau und Verlagerungen setzen. Die IG Metall fordert die Unternehmen auf, gemeinsam mit Beschäftigten und Betriebsräten tragfähige industrielle Zukunftskonzepte für die Standorte zu entwickeln.



