Holocaust-Gedenken für Sinti und Roma in Würzburg: „Wir vergessen nicht, wir schauen nicht weg, wir schweigen nicht. Wir bleiben wachsam“

Holocaust-Gedenken für Sinti und Roma in Würzburg: „Wir vergessen nicht, wir schauen nicht weg, wir schweigen nicht. Wir bleiben wachsam“
Foto und Text: Claudia Lother

WÜRZBURG – Bewusstes Innehalten an einem vielfrequentierten Ort der Stadt in tiefer, schmerzender Stille: Oberbürgermeister Martin Heilig und Nino Schneeberger, Fachreferent Verband Deutscher Sinti und Roma im Landesverband Bayern, legten am Paradeplatz Kränze nieder, um an den Holocaust an Sinti und Roma zu erinnern.

„Ein Gedenktag wie dieser darf niemals in bloßer Routine erstarren“, sagte Oberbürgermeister Martin Heilig. „Erinnern ist kein Blick, den man rückwärtsgewandt in die Geschichtsbücher richtet. Wahres Gedenken ist eine Verpflichtung für die Gegenwart und ein Auftrag für die Zukunft.“ Der 2. August ist seit 2015 Europäischer Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma. Er erinnert an die Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, in der die verbliebenen 4.300 Frauen, Männer und Kinder in Auschwitz-Birkenau in die Gaskammern getrieben und ermordet wurden. Auch für Würzburger Sinti und Roma wurde Auschwitz zum Grab.

„Es war der grausame Höhepunkt eines Völkermordes, den die Nationalsozialisten mit bürokratischer Präzision und beispielloser Unmenschlichkeit betrieben haben. Der Porajmos – das Verschlingen – hat Wunden geschlagen, die bis heute, Generationen später, nicht verheilt sind“, so Heilig. Dieses Verbrechen habe auch eine zutiefst Würzburger Geschichte und traf Menschen, die Nachbarinnen und Nachbarn gewesen seien. Sie hätten am Ende vieles, wenn nicht alles verloren. „Viele verloren in den Lagern ihr Leben. Diejenigen, die die Hölle überlebten, waren oft für den Rest ihres Lebens gekennzeichnet und litten ein Leben lang unter den körperlichen und seelischen Folgen der Haft, unter dem Verlust von unzähligen Familienmitgliedern und nicht selten unter einer bitteren Fortsetzung der Diskriminierung nach 1945. Auch durch die Nicht-Anerkennung des Leids.“

Nino Schneeberger vom Landesverband Bayern e.V. des Verbands Deutscher Sinti und Roma, erinnerte daran, dass Sinti und Roma seit Februar 1943 aus elf europäischen Ländern in die Todeslager deportiert wurden, deren Netz sich über ganz Europa erstreckte. „Wie Juden wurden Sinti und Roma als fremdrassig angesehen und daher einem systematischen Völkermord unterworfen.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg, den gerade zehn Prozent der Sinti und Roma überlebten, seien die Beamten, die den Völkermord mitorganisierten, in Amt und Würde geblieben, wogegen die überlebenden Sinti und Roma weiterhin Ausgrenzung, Misstrauen und Leugnung ausgesetzt waren: „Die Kriminalisierung der Opfer sorgte für die Selbstentlastung der Täter“, so Schneeberger. Erst die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma in den 1970er- und 1980er-Jahren sorgte nach Jahrzehnten für die Anerkennung des erlittenen Leids wie auch der Anerkennung der NS-Verbrechen an Sinti und Roma als Völkermord aus rassischen Gründen. Ein Ende hat der Antiziganismus damit heute nicht. Antiziganismus, Vorurteile und Ausgrenzung gegenüber Sinti und Roma existieren in subtilen Vorurteilen, in Hasskommentaren, in Wahlergebnissen weiter. Würzburg aber, so der Oberbürgermeister, sei eine Stadt der Vielfalt, „eine Stadt der Toleranz, des Respekts. Und sie wird es auch bleiben. Unser Versprechen an die Opfer und an Sie, die Überlebenden und Angehörigen ist: Wir vergessen nicht! Wir schauen nicht weg! Wir schweigen nicht! Und wir bleiben wachsam.“

Am 12. Oktober 2026 findet im Burkardushaus die Tagung „Erinnern an Sinti und Roma“ statt, die von der Bezirksheimatpflege Unterfranken, dem Stadtarchiv Würzburg und dem Verband Deutscher Sinti und Roma Landesverband Bayern e.V. organisiert wird. Gesprochen wird über Fakten und Stereotypen in historischen unterfränkischen Schrift- und Bildquellen und Beispiele gelungener Erinnerungskultur. Der Tag endet mit einem Podiumsgespräch.

Mehr Informationen und Anmeldung: www.domschule-wuerzburg.de.

Auf dem Bild: Oberbürgermeister Martin Heilig (5.v.re.), Bürgermeister Joachim Spatz (4.v.re.) und Nino Schneeberger vom Landesverband Bayern des Verbands Deutscher Sinti und Roma (4.v.li.) legten am Paradeplatz Kränze zum Gedenken an den Völkermord an Sinti und Roma während der NS-Zeit nieder. Der Oberbürgermeister erinnerte daran, dass Gedenken eine Verpflichtung für die Gegenwart und ein Auftrag für die Zukunft sei. V.li. Stadträte Joachim Schulz, Manfred Dürr, Konstantin Mack und v.re. Ludwig Mechler, Christa Grötsch, Barbara Meyer.

Foto und Text: Claudia Lother

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