GRAFENRHEINFELD – Blaue Flecken, Schwielen an den Händen und Kratzer an den Beinen: Kleine Blessuren sind für Emanuel Schramm (30) und Enrico Diez (32) selbstverständlich. Die beiden Unterfranken bouldern in der Bundesliga.
Aus Kollegen, die im Zwischenlager der BGZ in Grafenrheinfeld arbeiten, wurden Freunde mit einer gemeinsamen Leidenschaft. Sie touren zusammen durch die Kletterhallen Deutschlands, die nächste Route immer im Blick. Der Sport hat das Leben der beiden verändert – jeden auf seine ganz eigene Weise.
Mit Bewegung hatte er früher wenig am Hut. Als Jugendlicher hat Emanuel Schramm geraucht, gern mit Freunden ein Bierchen getrunken und Partys gefeiert. Heute ernährt er sich vegan, setzt sich für Tier- und Klimaschutz ein und hängt mindestens dreimal in der Woche in der Wand. Fünf bis sechs Stunden verbringt der 30-Jährige pro Einheit in der Kletterhalle, dazu kommt Krafttraining daheim.
„Das Bouldern hat mein Leben um 180 Grad gedreht“, sagt der Wonfurter und lächelt. Dafür ist er seinem großen Bruder heute noch dankbar. Denn er war es, der ihn mit in die Kletterhalle nach Schweinfurt schleppte – und eine Leidenschaft entfachte, die ihn nicht mehr losließ. Und die er schließlich an seinen Arbeitskollegen Enrico Diez weitergab.
Die beiden lernten sich 2020 bei der BGZ kennen und arbeiten im Zwischenlager Grafenrheinfeld. Schramm als Leiter vom Dienst, Diez als Elektriker. Beim Mittagessen plauderten sie über den Sport. Diez begleitete Schramm in die Kletterhalle – und blieb. Mittlerweile trainiert er ebenfalls drei- bis viermal in der Woche.
Auch für den 32-Jährigen hat das Bouldern viel verändert. „Früher war ich Vollblutfußballer“, erzählt Diez. Eine schwere Verletzung beendete seine Ambitionen auf dem Platz. „Ich bin in ein tiefes Loch gefallen“, erinnert er sich. Das Bouldern half ihm hinaus. Hoch hinaus. Nicht nur körperlich. Der Bad Kissinger ist von Geburt an stark schwerhörig, medizinisch gilt er als taub. Er trägt ein Cochlea-Implantat – eine hinter dem Ohr in den Knochen eingesetzte Prothese, die ihn wieder hören lässt.
„Aber natürlich ist das ein tiefgreifender Einschnitt für meine persönliche Entwicklung“, sagt Enrico Diez. In großen Gruppen tut er sich schwer, Geräusche kann er dann schlecht zuordnen, Gespräche nicht richtig verfolgen. „Und dann schweige ich oft oder ziehe mich zurück.“ Aber beim Bouldern in der Wand, „da fühle ich mich mit allen anderen auf Augenhöhe“. Denn da zählt nur, den nächsten Schritt zu planen, Hände und Füße in vier bis fünf Metern über dem Boden richtig zu setzen, die Kraft perfekt zu nutzen und voll fokussiert zu bleiben.
„Wir haben gemeinsam einen extremen Trainingsehrgeiz entwickelt“, sagt Diez. Und der zahlt sich aus. Die beiden Arbeitskollegen haben sich an die Spitze geklettert. Emanuel Schramm bouldert seit vier Jahren in der Bundesliga, Diez startete ein Jahr später. Anders als beim Fußball kann sich jeder Athlet selbst für eine Bundesliga anmelden, drei Top-Ligen gibt es für Herren und drei für Damen. Das Alter der Sportler reicht von 11 bis 65 Jahren.
13 Kletterhallen in ganz Deutschland stehen pro Saison zum Punktesammeln zur Verfügung. Und so touren die Unterfranken mit ebenso boulderbegeisterten Freunden durch die Republik. „Wir kennen mittlerweile jede Halle“, sagt Schramm und grinst. Von Hamburg über Dortmund und Köln bis München führen die Wochenend-Ausflüge. „Da bleibt eigentlich keine Zeit für etwas anderes“, gibt Schramm zu. Seine Ehefrau liebt den Sport ebenfalls, kürzlich haben die beiden geheiratet. Die Hochzeitsfotos entstanden in der Boulderhalle.
Nun geht’s wieder los, die neue Saison startet im August. Das Ziel: Von 15 Kletterrouten verschiedener Schwierigkeitsgrade in jeder Halle so viele wie möglich zu schaffen. Wer eine im ersten Versuch schafft, dem gelingt ein Flash – und es gibt die volle Punktzahl. Wer mehrere Anläufe benötigt, erhält weniger Punkte für die Jahreswertung. Schramm stand nach der Saison 2024/2025 in der zweiten Liga auf Platz 12 – und verpasste nur ganz knapp das große Finale der Top 6, das auf großer Bühne mit vielen Zuschauern und Livestream stattfindet.
Doch der Aufstieg in die erste Liga war damit Pflicht. Die letzte Saison beendet er dort auf Rang 85 von 319 Teilnehmern. In der zweiten Bundesliga tritt Enrico Diez zusammen mit mehr als 600 Sportlern aus ganz Deutschland an. „Das Niveau steigt extrem“, stellt er fest. „Bouldern wird immer mehr zur Trendsportart.“ Er klettert im oberen Drittel der Liga mit. Sein Ziel für die kommende Saison: den Sprung in die erste Bundesliga schaffen. Vor jedem Wettkampf schaut er auf die Tabelle.
„Für mich ist der Wettbewerb das Entscheidende“, sagt der 32-Jährige. „In der Wand sind wir Einzelkämpfer, aber wir feuern uns untereinander alle an, auch die Konkurrenz.“ Diese Gemeinschaft ist es, die auch für Emanuel Schramm den besonderen Reiz des Sports ausmacht. „Das Bouldern ist ein richtiges Gruppenevent, wir sind meistens am Wochenende mit sieben bis acht Leuten unterwegs“, sagt er. „Und man lernt immer wieder neue, nette Sportler und Sportlerinnen in den Hallen kennen, das ist super.“ Durch das Bouldern haben er und seine Frau mittlerweile Freunde in ganz Deutschland. Diez bestärkt: „Das Umfeld ist extrem wichtig. Die Freunde hier vor Ort geben mir Antrieb, ziehen mich mit und motivieren mich, dranzubleiben.“
Teamgeist und Motivation sind bei beiden groß vor der nun startenden Saison. Die Vorbereitungen waren intensiv, nicht selten mit fünf bis sechs Trainingstagen pro Woche. Eintrittspreise für die Hallen, Fahrten und Übernachtungen bei den Wettkämpfen, dazu die Ausrüstung: Bouldern ist kein günstiges Hobby. Daher sind die beiden froh, dass die BGZ ihren Sport über das Firmenfitness-Angebot Wellpass unterstützt. Mit diesem kommen sie zu deutlich günstigeren Konditionen oder sogar bei freiem Eintritt in die Kletterhallen in ganz Deutschland. „Da sparen wir extrem“, sagt Schramm. Pro Besuch – für jedes Training ebenso wie für jeden Wettkampf – kostet der Eintritt bis zu 14 Euro. Für die Unterfranken, die trotz Bundesliga-Niveau alles aus eigener Tasche bezahlen müssen, macht sich dieses Ersparnis bemerkbar.
Ebenso wie der Trainingseffekt. Aber nicht nur körperlich sind die beiden in Topform. „Wenn ich einen miesen Tag hatte, gehe ich in die Halle“, sagt Schramm. „Ich schalte den Kopf aus, gehe in die Wand und alles drumherum ist vergessen.“ Nach dem Training in fünf Metern Höhe, wenn die Fingerkuppen schmerzen und sie jeden Muskel spüren, haben sie wieder festen Boden unter den Füßen. Und die Welt ist für Emanuel Schramm und Enrico Diez wieder in Ordnung.
Auf den Fotos:
Enrico Diez beim Training für die neue Bundesliga-Saison in der Boulderwand.
Emanuel Schramm bouldert in der ersten Bundesliga. Drei- bis viermal in der Woche trainiert er dafür in der Wand.
Enrico Diez (l.) und Emanuel Schramm lernten sich über den Job kennen. Sie arbeiten bei der BGZ im Zwischenlager Grafenrheinfeld, Diez als Elektroniker und Schramm als Leiter vom Dienst.
Fotos: Schramm





