WÜRZBURG – Erst Sonne, dann ein kräftiger Schauer, und zwischendurch hat es auch mal gedonnert. Aber nichts konnte der guten Stimmung auf dem Würzburger Residenzplatz Abbruch tun: Rund 9000 Menschen haben nach Angaben der Veranstalter am Mittwochabend, 13. Mai, die Eröffnung des 104. Deutschen Katholikentags gefeiert.
Mit Musik, Performances und prominenten Gästen begann das fünftägige Großereignis. „Endlich ist es so weit. Wir feiern Katholikentag“, erklärte Irme Stetter-Kap, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
Die Showtanzgruppe „Turedancer“ aus Zellingen, angekündigt als „das momentan beste Männer-Ballett in ganz Deutschland“, eröffnete die Feier. Unter dem Applaus des Publikums fegten sie als Nussknacker verkleidet über die Bühne. Dann ging es auch schon mitten hinein in das Katholikentags-Motto „Hab Mut, steh auf!“. „Ich freue mich auf den Katholikentag wie ein kleines Kind auf Weihnachten. Es ist toll, so viele Gäste in der Stadt zu haben. Herzlich willkommen in Würzburg“, sagte Würzburgs Oberbürgermeister Martin Heilig, als er zu seinen Gedanken zu Mut und Demokratie gefragt wurde. „Es wird vor Ort erlebt, ob Demokratie funktioniert.“ Dann gehe es zum Beispiel darum, ob das Wohngeld pünktlich ausbezahlt werde oder darum, dass die Toiletten in der Schule in einem guten Zustand sind.
Pia Helmel, Mitgründerin vom „Democrazy Studio“ in München, einem Modelabel, das sich die Werbung für Demokratie auf die Fahnen geschrieben hat, berichtete von ihren Wurzeln in der Jugendarbeit beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). „Dort habe ich Demokratie kennen- und lieben gelernt“ – und auch die damit verbundenen Herausforderungen, ebenso wie die Selbstwirksamkeit, sagte sie. „Wenn ich gerade das Wetter sehe, wäre statt Socken und T-Shirts auch eine Regenjacke im Sortiment gut gewesen.“ Von der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR berichtete die Zeitzeugin Dr. Angela Kunze-Beiküfner aus Magdeburg. Demokratie habe sie in der evangelischen Kirche einüben und erleben dürfen. Als im Oktober 1989 immer mehr Menschen gegen den Unrechtsstaat aufstanden, seien die damaligen Machthaber überfordert gewesen. „Die haben mit allem gerechnet, aber nicht mit Kerzen und Gebeten.“ Für die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September hoffe sie, dass „die Demokratie bei uns erhalten bleibt“, erklärte die Mitbegründerin der örtlichen „Omas gegen rechts“.
Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann kommentierte bei seinem Auftritt auf der Bühne den massiven Regen auf der Bühne lakonisch mit „Wir sind nicht aus Zucker und werden mit Regen fertig.“ Es sei höchste Zeit, dass der Katholikentag wieder einmal nach Bayern gekommen sei. Das Motto „Hab Mut, steh auf!“ der Großveranstaltung sei sehr treffend. Es brauche Mut, auf Menschen mit Handicap zuzugehen oder aufzustehen gegen Menschen, die Rassismus und Hetze verbreiten. Zum Thema „Mut und Menschenwürde“ erklärte Dominic Weiss-Grein von der Initiative „Würzburg Solidarisch“, dass es bei geflüchteten Menschen immer nur um Zahlen, Quoten und Abschiebungen gehe. Sie bekämen zu spüren, dass sie nicht willkommen seien. „Ich glaube, dass ich und jeder von ihnen einen Unterschied machen kann. Menschenwürde gilt für alle, oder sie gilt für niemanden“, betonte Weiss-Grein.
Christine Thaler, Leiterin der Bezirksgruppe Würzburg des bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds, schilderte die alltäglichen Barrieren, denen sich Menschen mit einem Handicap gegenübersehen. Es reiche zum Beispiel nicht, Bodenindikatoren anzubringen, wenn diese dann vollgestellt werden, oder einen Aufzug ohne taktile Beschriftung einzurichten. Barrieren gebe es auch bei der Digitalisierung. Auch ihr Wunsch lautete: „Nicht über uns reden, sondern mit uns reden. Wir wissen, was wir brauchen. Und dann gemeinsam nach Lösungen suchen.“
ZdK-Präsidentin Stetter Karp erklärte in ihrer mehrfach von Applaus unterbrochenen Rede, die Veranstaltung finde inmitten unruhiger Zeiten statt. Krieg, Armut und Ungerechtigkeit prägten viele Regionen in der Welt – in der Ukraine, im Sudan oder im Nahen und Mittleren Osten. Zum fünften Mal finde das Treffen seit 1848 in Unterfranken statt. In Deutschland mache die Zukunft des Sozialstaats Sorgen. Die Worte an den blinden Bartimäus ermutigten und aktivierten. „Aufstehen müssen wir für unserer Demokratie.“ Diese sei bedroht wie selten zuvor. „Wir stehen kompromisslos zu unserer demokratischen Verfassungsordnung“, betonte Stetter-Karp. Das umfasse auch den Einsatz für ein starkes. vereintes Europa. „Das Gift von Hass, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und jeder Form von Menschenverachtung darf den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft nicht zersetzen.“ Jedes Leben sei wertvoll und schützenswert – „von seinem Beginn bis zu seinem Ende“. Auf dem Katholikentag lebe das Engagement und die Bereitschaft so vieler. „Und gemeinsam mit ihnen wollen wir für eine Kirche einstehen, die Zukunft hat.“ Sie freue sich auf fünf Tage mit Begegnungen, fairen Debatten, Musik, Kultur und „Gottes guter Gegenwart“.
„Unsere Leute freuen sich sehr auf diesen Abend der Begrüßung und Begegnung“, erklärte Bischof Dr. Franz Jung. Vom Katholikentag erwarte er sich das, was wir beim Synodalen Weg eingeübt haben – miteinander auf dem Weg zu sein. Wo stehen wir? Wie gehen wir miteinander um? Wie reden wir miteinander?“ Das sei ein großer Lernweg. „Da liegt noch viel vor uns und das können wir die nächsten Tage wunderbar einüben.“ „Veränderungen entstehen nur da, wo ich mich auch traue, zu kritisieren, und wenn ich bereit bin, Verantwortung zu übernehmen“, sagte Nina Breitenbach, Mitglied des Gemeindeteams im Pastoralen Raum Gemünden: „Nicht schweigen, Haltung zeigen.“ Für die kommenden zehn Jahre wünschte sie sich mehr Wertschätzung für das Ehrenamt sowie eine mutigere und offenere Kirche, „dass jeder, der möchte, Verantwortung übernehmen kann und jeder seine Fähigkeiten gleichwertig einbringen kann“. Regionalbischöfin Gisela Bornowski beschrieb Synodalität als gemeinsamen Weg hin zu Entscheidungen und geteilte Verantwortung. „Ich erlebe viel Aufbruchstimmung bei den jungen Leuten. Die packen mutig an.“ Sie erzählte zudem von den „Mutprojekten“ – Ideen, um als Kirche nahe bei den Menschen zu sein.
Er freue sich, wieder beim Katholikentag dabei zu sein, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. „Ich bin der Überzeugung, dass wir Christen nicht nur zusammengehören, sondern das auch häufiger erlebbar machen müssen. Festigen wir in Würzburg weiterhin diese Zusammengehörigkeit.“ Sein Wunsch lautete: „Mehr Ökumene wagen.“ Der Katholikentag und sein Motto „Hab Mut, steh auf!“ kämen zur rechten Zeit, fuhr Steinmeier fort. „Wir müssen aufhören, uns selbst in die Ohnmacht und das Land in den Abgrund zu reden. Gerade Christen müssen aufstehen gegen eine täglich neu befeuerte Weltuntergangsstimmung, gegen die Vorstellung einer Welt ohne Hoffnung und Zuversicht. Das ist nicht die Welt von Christen!“ Das Motto verspreche keine einfachen Lösungen, aber gebe Anstoß, trotz Müdigkeit noch einen Schritt zu probieren. „Die Welt braucht Orte und Menschen die mutig sind, die aufstehen und sich anstrengen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“ Er erinnerte an den Ausspruch von Bischof Dr. Julius Döpfner nach dem Zweiten Weltkrieg: Wohnungsbau ist Dombau. „Glauben und der Einsatz für das praktische Zusammenleben von Menschen gehören zusammen“, erklärte Steinmeier. Auch der neue Papst mache Mut als „unerschrockener Verkünder einer Botschaft von Gerechtigkeit und Frieden“. Er wünschte allen „viele gute Begegnungen, einen nachdenklichen, einen fröhlichen, einen ermutigenden Katholikentag und einen gnädigen Wettergott“.
Gute Laune und spürbare Gastfreundschaft: Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier genießt mit seiner Gattin den „Abend der Begegnung“
Praktisch mit Ende der Eröffnungsfeier hat auch der Regen aufgehört, und an neun Plätzen in der Innenstadt begann der „Abend der Begegnung“: Musik, Unterhaltung und Speisen und Getränken aus den neun Dekanaten des Bistums Würzburg machten am Mittwochabend, 13. Mai, das gastgebende Bistum auf eindrückliche Weise erlebbar.
Gemeinsam mit seiner Ehefrau Elke Büdenbender, Bischof Dr. Franz Jung und Würzburgs Oberbürgermeister Martin Heilig unternahm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einen etwa anderthalbstündigen Rundgang. Erste Station war das Dekanat Schweinfurt auf dem Kardinal-Döpfner-Platz. Dort überreichte Dekan Stefan Kömm den Besuchern in Anlehnung an den Ortsnamen Glücksschwein-Nudeln und fair gehandelte Schokolade. „Wir sind Fair-Trade-Landkreis“, erklärte er. Zudem sei von den beiden Katholikentags-Botschaftern aus dem Dekanat – passend zu Steinmeiers Aufruf, mehr Ökumene zu wagen – je einer evangelisch und einer katholisch. Nach einem Schluck Bier marschierte das Staatsoberhaupt ins Lusamgärtchen neben dem Neumünster.
Dort erzählte Bischof Jung ihm vom berühmten Minnesänger Walter von der Vogelweide, dessen Grab dort ist, von Kiliani, das an die irischen Mönche erinnert, die im 7. Jahrhundert in Würzburg für den Glauben starben. Domkapitular em. Helmut Gabel berichtete als Zeitzeuge von der Würzburger Synode. Diese habe eine neue Kirche gezeigt: Bischöfe, die auf Augenhöhe mit Laien redeten, und eine Kirche, die sich nicht von der Gesellschaft abgrenzt, sondern mit Politik, Wissenschaft und sozialen Fragen im Dialog steht und nach dem Leitmotiv „Sehen – Urteilen – Handeln“ die Welt mitgestalten will.
Auf dem Kiliansplatz beim Dekanat Miltenberg lief gerade das große Finale des integrativen „Circus Blamage“. Kurzerhand rief der Zirkusdirektor den Bundespräsidenten und den Bischof in die Manege und ließ sie ihr Können am Diabolo zeigen. Für die spontane Einlage gab es neben viel Applaus auch noch eine Warnweste mit dem Aufdruck „Circus Blamage“, „für den Fall, dass sie mal zu spät sind und irgendwo unerkannt bleiben wollen“. Kabarettist Freddy Breunig auf der Bühne des Dekanats Rhön-Grabfeld unterbrach sein Programm, um dem Bundespräsidenten zu entlocken, ob er die Rhön kenne. „Nordheim?“, zeigte sich Breunig überrascht. Angelika Ochs vom Kreis-Caritasverband Rhön-Grabfeld führte ein längeres Gespräch mit Steinmeier, in dem sie ihm von den Herausforderungen der Caritas beispielsweise in der ambulanten Pflege mit langen Fahrstrecken und staatlichen Sparvorgaben berichtete. Nach einem Erinnerungsfoto an großen Buchstaben mit dem Katholikentagsmotto – mit dem Dom als Hintergrund –, ging der Tross weiter zum Burkardushaus. Dort stieg der Bundespräsident ins Auto. Zuvor absolvierte er geduldig so einige Selfies und ein Gruppenfoto mit den Katholikentags-Helferinnen und -helfern, die um die Promigruppe und die Personenschützer immer ein Seil gespannt gehalten hatten, um Fotografen und die Menge auf Abstand zu halten. Wohin der Bundespräsident auch kam: Ein Meer aus in die Luft gereckten Handys wartete schon darauf, ein Foto zu schießen.
Wen das nicht interessierte, der konnte sich von den vielen Menschen, die durch die Stadt schlenderten, dem Klang der verschiedenen Bands und Kapellen oder dem Wohlgeruch der angebotenen Speisen durch die Innenstadt treiben lassen. So wie Weihbischof Paul Reder, der von einem Dekanat zum anderen schlenderte, unterwegs unzählige Bekannte traf, vielen weiteren Menschen die Hand schüttelte und die vielen unterschiedlichen Musikstile genoss. Bei der Bühne des Dekanats Bad Kissingen am Vierröhrenbrunnen wurde er von Pfarrer Gerd Greier empfangen und bekam sofort ein Mikrofon in die Hand gedrückt. „Schön, dass Ihr der Rhön ein sympathisches Gesicht gebt. Ich wünsche Euch schöne Tage und einen einigermaßen temperierten Abend. Macht was daraus! Habt Mut und steht auf!“ Auf dem Kiliansplatz spendete der Weihbischof kräftig Applaus für die jungen Artisten vom inklusiven Kinder- und Jugend-Circus Blamage, die auf Bällen balancierten oder mit Bällen und Keulen jonglierten. Und eine ökumenische Bratwurst musste vor dem Abendsegen auch noch sein.
„Ich bin froh, dass das Wetter noch gehalten hat und die Plätze der Altstadt so gut besucht waren“, sagte Domkapitular Albin Krämer, Bischofsvikar für den Katholikentag. Alle paar Meter schüttelte er Hände, führte Gespräche, umarmte vertraute Menschen. Dankbar sei er allen, die den „Abend der Begegnung“ erst möglich gemacht haben: dem Team aus dem Katholikentagsbüro der Diözese, dazu den hunderten Helferinnen und Helfern an den neun Plätzen in der Innenstadt. „Ich spüre bei allen Beteiligten eine große Dankbarkeit und Begeisterung, mit dabei zu sein“, sagte Krämer.
Pünktlich um 22 Uhr startete das Abendgebet, das dezentral an den neun Veranstaltungsplätzen des „Abends der Begegnung“ von Seelsorgerinnen und Seelsorgern gestaltet wurde. Auf allen Plätzen tauchte ein Meer aus Kerzenlicht die Umgebung in eine mystische und friedvolle Stimmung. „Das war ein schöner Abend und ein noch schönerer Ausklang, oder?“, raunte eine Frau mit Katholikentagsschal ihrer Nachbarin auf dem Weg zur Straßenbahn zu.
sti/mh/seh (POW)
Auf dem Bild © Markus Hauck (POW) | Auf dem Würzburger Residenzplatz ist am Mittwochabend, 13. Mai, der 104. Deutsche Katholikentag eröffnet worden.
Auf dem Bild © Markus Hauck (POW) | Auf dem Würzburger Residenzplatz ist am Mittwochabend, 13. Mai, der 104. Deutsche Katholikentag eröffnet worden.
Auf dem Bild © Markus Hauck (POW) | Eindrücke vom „Abend der Begegnung“ am Mittwoch, 13. Mai, mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier



