WÜRZBURG – Aus der Lautsprecherbox tönt „2 Minutes to Midnight“ von Iron Maiden. Ganz so knapp vor dem Ende ist es für das Berliner Künstlerduo „Innerfields“ noch nicht. Aber der Zeitplan ist ambitioniert.
Bis Freitagabend, 8. Mai, soll ihr knapp 120 Quadratmeter Wandgemälde hinter dem Ceresbrunnen an der Kreuzung von Neubau- und Schönthalstraße in der Würzburger Innenstadt fertig sein. Holger Weißflog und Jakob Bardou malen es im Auftrag des 104. Deutschen Katholikentags. Und der beginnt am 13. Mai. „Uns hält nur der Regen auf“, sagt Weißflog. Aber seit dem Niederschlag am Dienstag hat die Gerüstbaufirma auf Bitte der Künstler über die oberste Etage des Gerüsts eine schützende Plane gehängt. Diese Gefahr ist gebannt. Der Zeitrahmen aber bleibt.
„Wir setzen uns immer ein Fünf-Tages-Limit. Aus Rücksicht auf unsere Familien“, erklärt Bardou. Zwischen sechs und zehn solcher großformatiger Wandgemälde malt das Duo nach eigener Auskunft pro Jahr. Ansonsten seien es Gemälde auf Leinwand, in Formaten zwischen 1,20 Meter auf 0,6 Meter bis hin zu Formaten von zehn auf zwei Meter. „Unser größtes Wandgemälde haben wir in Georgien geschaffen. Das hatte 600 Quadratmeter“, sagt Weißflog.
Bardou malt gerade an den Details eines Frauengesichts. Akribisch vergleicht er sein Schaffen mit der laminierten Vorlage. Darin ist das Gesamtwerk mit einem Koordinatensystem überzogen. „Ohne diese Hilfe lässt sich eine solche Fläche nicht perspektivisch korrekt bemalen“, erklärt er. Fast eine halbe Stunde lang malt er an den Schatten am Kinn. „Wir müssen gerade bei den Gesichtern sehr genau arbeiten. Hier erkennt auch ein ungeschultes Auge Fehler sehr schnell.“
Seit Montagmorgen, 9 Uhr, malen die beiden Künstler in Würzburg. Schon in ihrer Jugend Ende der 1990er Jahre malten und sprühten sie gemeinsam an geduldeten und erlaubten Flächen in ihrer Heimatstadt Berlin. „Unseren ersten Auftrag bekamen wir 1999, seit 2008 ist es unser Beruf“, erzählt Weißflog. Und der führte das Duo schon an viele Orte. Der jüngste Auftrag führte „Innerfields“ vor zwei Wochen nach Havanna.
In Würzburg mussten sie in einem ersten Schritt Tiefengrund auftragen, damit die ursprüngliche Wandfarbe sich nicht mit ihren Malfarben vermischt und alles verschmiert. In einem zweiten Schritt trugen sie eine rote Grundfarbe auf. Dann ging es an das eigentliche künstlerische Schaffen, Ganz oben spannt sich ein Bogen wie ein Gewölbe über dem Wandbild. Das Motiv, das unter anderem ein Getreidefeld mit Kornblumen darin, ein surreal fliegendes E-Lastenrad und eine Schaukel zeigt, entwickelten die Künstler bei einem Workshop in Würzburg gemeinsam mit rund 35 Personen.
Es zeigt eine positive Zukunftsvision Würzburgs. „Die Bildsprache ist etwas anders als das sonst für uns üblich ist. Aber wenn man an der Wand eines Klosters gegenüber der Neubaukirche für den Katholikentag und oberhalb des Ceres-Brunnens malt, muss man dem auch gerecht werden“, sagt Weißflog. Dennoch wollten sie „ohne Heilige und Engelchen auskommen“, betont Bardou.
In der obersten Etage malt Weißflog an den Personen im fliegenden E-Bike. „Das ist ein fantastisches Element, ein absichtlicher Störfaktor, der dafür sorgt, dass das Bild nicht zu platt wirkt.“ Zusätzlich lassen die Künstler bewusst bei Figuren wie den fliegenden Tauben an den Rändern schmale Streifen der roten Grundierung durchblitzen. „Das erzeugt eine gewisse Lebendigkeit. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Bild totgemalt wird“, sagt er.
Eine Go-Pro-Kamera am Gerüst nimmt alle paar Minuten ein Foto der Künstler beim Arbeiten auf. Daraus entsteht später ein Zeitrafferfilm für Social Media. „Muss sein, ohne kommt man heute als Künstler praktisch nicht mehr vor“, erklärt Bardou.
Nach Abschluss ihres Werks fahren die beiden Künstler wieder zurück in ihre Heimat. „Ganz früher gab es am Ende immer noch eine offizielle Abnahme durch die Auftraggeber. Das hatten wir aber schon lange nicht mehr. Die Leute wissen, dass sie uns vertrauen können“, sagt Weißflog.
mh (POW)
Auf den Fotos:
© Markus Hauck (POW) | Holger Weißflog beim Malen in luftiger Höhe.
© Markus Hauck (POW) | Jakob Bardou beim Gestalten eines Gesichts.
© Markus Hauck (POW) | Dass bei dieser Taube etwas von der roten Grundierung durchscheint, ist ein Gestaltungselement von „Innerfields“.



