„Es ist Fünf vor Zwölf für die Innenstadt“: Die geplante Neuausrichtung der Stadtgalerie und das Behandeln des Vorhabens im alten Stadtrat erbost den Schweinfurter Handel

„Es ist Fünf vor Zwölf für die Innenstadt“: Die geplante Neuausrichtung der Stadtgalerie und das Behandeln des Vorhabens im alten Stadtrat erbost den Schweinfurter Handel
ChatGPT / künstliche Intelligenz

SCHWEINFURT – Nicht nur für Dr. Ulrike Schneider ist es „Fünf vor Zwölf“, was die Zukunft der Schweinfurter Innenstadt betrifft. Weshalb das Pressegespräch am Freitag auf dem Marktplatz auch um exakt 11.55 Uhr begann. Anwesend waren neben der Stadträtin auch zahlreiche Geschäftsleute.

„Die erneuten Umbaupläne des ECE konterkarrieren jedwede positive Entwicklung in der Innenstadt…. und nützen nur den Investoren, nicht aber unserer Stadt“, so argumentierte Schneider bei der Einladung an die Medien und sieht in der 2009 eröffneten Schweinfurter Stadtgalerie abermals nun den vielleicht entscheidenden Nagel für den Sarg des städtischen Zentrums mit seinem ohnehin nicht mehr unbedingt blühenden Leben.

Eigentlich sei es sogar schon „Fünf nach Zwölf“, sagt Schneider, „aber noch besteht Hoffnung. Es ist allerdings allerhöchste Eisenbahn und Zeit zum Handeln!“ Und zwar vor dem kommenden Dienstag, wenn ab 14.30 UIhr die April-Sitzung des Schweinfurter Stadtrats ansteht.

Wohlgemerkt: Der ALTE Stadtrat tagt, also die 44 Personen, von denen ab dem 1. Mai ganze 16 ausgetauscht werden plus der Oberbürgermeister. Das alte Gremium soll also entscheiden über den einen Tagesordnungspunkt, der da – teilweise – etwas sperrig lautet: „89. Änderung des Flächennutzungsplanes, Änderung des vorhabenbezogenen Bebauungsplans, Beschlüsse zur Einleitung der Bauleitplanverfahren…“

Konkret geht es um einen Antrag der Stadtgalerie Schweinfurt, in der fast die Hälfte der Verkaufsflächen leer stehen und die deshalb einiges vor hat laut Center-Manager Alexander Kuckshaus. Unter anderem will man Verkaufsflächen reduzieren, die in medizinische / gesundheitsbezogene Nutzung mit ca. 1.500 m² umgewandelt werden soll. Inklusive einer Marktanpassungsreserve von 15 %. Das Sortiment Hartwaren soll von von 1.320 m² auf 2.450 m² erhöht werden, das Sortiment Sport von 1.000 m² auf 2.500 m², Sortiment Spielwaren von 320 m² auf gleich 2.200 m².

Zudem stellt die Stadtgalerie die Anbindung an die Innenstadt in Aussicht, ohne aber zu verraten, wie sie das machen möchte. Rund 25 Einzelhändler und Geschäftsleute aus der Schweinfurter Innenstadt, die beim Thema „Anbindung“ Späße machten über die alte „Bummelbahn“, kamen zum Termin am Freitagmittag. Um ihren Protest kund zu tun und zu beratschlagen, was man dagegen noch tun könne, denn wenn ein städtebaulicher Vertrag am Dienstag mehrheitlich beschlossen wird, dann würde die Umwandlung ihren Lauf nehmen.

Warum die, die da zusammen kamen, dagegen sind? Im Raum steht, dass der französische Sportfachhandel Decathlon in der Stadtgalerie einziehen möchte, als neuer „Handelsmagnet“, wie ECE nun die großen Läden nennt, die man früher „Ankermieter“ bezeichnete. Daher die Erhöhung für das Sportsegment. Die Schweinfurter Händler befürchten, dass ein Laden wie Sport Geyer darunter leiden würde. Und auch der Radmarkt Schauer im Hafen, denn Decathlon bietet auch eine große Fahrradwelt. Geschäftsführerin Anja Schneider kam daher auch zum Termin auf dem Marktplatz.

Dann sollen sich Ärzte ansiedeln in einem „Forum medicum“. Die Stadtgalerie wuchert hier mit dem Pfund Barrierefreiheit. Mutmaßlich aber würden keine neuen Ärzte kommen, sondern solche, die dann ihre Praxisräume in der Innenstadt aufgeben würden. „Und so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch Apotheken in die Stadtgalerie kommen“, vermutet Volker Gerull von Sell Mode. Worunter dann die Apotheken in der Innenstadt leiden würden… Das geplante Versiebenfachen der Flächen für Spielwaren würde bedeuten, dass sich in der City gewiss nie mehr ein solcher Händler ansiedeln würde… „Und wer dann in der Stadtgalerie künftig zum Zahnarzt geht, der kauft dort auch gleich seinen Pullover ein – und nicht mehr in der Innenstadt“, befürchtet Dr. Schneider.

Dr. Bernhard Hofmann von der Adler-Apotheke am Marktplatz hatte alle Stadträte angeschrieben, bekam aber nur vom neuen Oberbürgermeister Ralf Hofmann, von Peter Hofmann, Marianne Prowald, Dr. Ulrike Schneider, Oliver Schulte und Adi Schön eine Antwort. Dr. Hofmanns Hauptargument für seine Ablehnung: „Ich verstehe nicht, dass wir der ECE Marketplaces GmbH & Co. KG aufgrund von Geschäftsschwierigkeiten entgegenkommen müssen. Ich gehe davon aus, dass ich von der Stadt Schweinfurt keine finanzielle oder anderweitige Unterstützung erhalte, wenn sich mein Geschäftsmodell nicht mehr lohnt.“

Rund 20 Millionen will die Stadtgalerie oder besser: Genau die genannte ECE Marketplaces GmbH & Co. KG aus Hamburg. Die in ihrem Schreiben davon spricht, Gutes für eine lebendige Schweinfurter Innenstadt vorzuhaben. „Es geht um die Rendite der Innvestmentgruppe“, widerspricht Schuhhändler Axel Schöll, der sich Erlebnisräume in der jetzt ziemlich leer stehenden Stadtgalerie vorstellen könnte, Clubs, Events, Flächen, die Schweinfurt aufgrund einer fehlenden großen Stadthalle nicht hat.

Oder eben: Wohnraum: Der notwendig ist. Doch dieses Thema wurde noch nie geprüft, ob umsetzbar. „Das Thema kommt bewusst in die letzte Stadtratssitzung, denn die alte Koalition will das noch durchziehen“, richtet Dr. Ulrike Schneider ihren Protest direkt in Richtung der Fraktionen von CSU und Grünen, die noch eine Mehrheit haben, die ab Mai aber dramatisch an Sitzen verlieren werden. Durchwinken kann diese Partnerschaft dann nichts mehr. „Aber wenn die Stadträte, die ihr Hirn nicht einschalten, nun mitmachen, dann ist das Kind in den Brunnen gefallen!“ Der vorgelagerte Bau- und Umweltausschuss lehnte eine beantragte Verschiebung in die Zeit des neuen Stadtrates ab – mit Stimmen von CSU und Grünen.

Pikant: Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Holger Laschka ist Vorsitzender von Schweinfurt erleben. e.V., also dem Verein, der sich laut eigener Aussage aktiv dafür engagiert, „die Schweinfurter Innenstadt zu einem lebendigen und einladenden Ort zu machen.“ Genau das Gegenteil, so die Befürchtung, würde eintreten, wenn sich die Stadtgalerie neu ausrichtet. Laschka antwortete auf das Schreiben von Dr. Bernhard Hofmann nicht. Und scheint den ECE-Antrag zu befürworten, auch wenn angeblich die Mitglieder von Schweinfurt erleben e.V. zu 80 Prozent für eine Ablehnung oder wenigstens für ein Vertagen sind, berichtet mit Jens Drescher der 2. Vorsitzende und Stellvertreter Laschkas.

Immerhin: Auf Antrag von Schweinfurt erleben e.V. dürfte der Stadtrat am Dienstag auch beschließen, dass am 8. Mai und am 27. November der Einzelhandel bei zwei so genannten „verkaufsoffenen Nächten“ bis 24 Uhr öffnen darf, aber natürlich nicht muss. Inklusive freilich der Stadtgalerie.

Die Schweinfurter Innenstadt-Händler planen für Dienstagnachmittag vor dem Rathaus eine große Protestaktion und wollen natürlich auch die gegen 15 Uhr beginnende, öffentliche Stadtratssitzung im großen Saal live verfolgen.

Aufmacherfoto: ChatGPT / künstliche Intelligenz
Das Bild unten ist das echte, das vor dem Rückert-Denkmal enstanden ist.

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