WÜRZBURG – Bei einer Lesung im Würzburger Stadtarchiv gewährte der Historiker Dr. Wolfgang Proske anhand des langjährigen Würzburger NSDAP-Kreisleiters Xaver Knaup nicht nur Einblicke in die Entstehung seines langjährigen Forschungsprojektes und der Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“:
Sondern er zeigte auch eindrücklich, wie wichtig die Auseinandersetzung mit regionalen Akteuren des Nationalsozialismus ist.
Seit 2010 arbeitet Proske an der mittlerweile rund 20 Bände umfassenden Reihe, die sich gezielt mit NS-belasteten Personen auf regionaler Ebene beschäftigt. Sein Anliegen: Die Geschichte des Nationalsozialismus nicht abstrakt über prominente Nazi-Größen zu erzählen, sondern anhand konkreter Biografien vor Ort verständlich zu machen. Gerade dieser regionale Blick sei in Forschung und Bildung lange vernachlässigt worden, so Proske. „Ohne den lokalen Nationalsozialismus versteht man nicht, wer die Menschen waren, denen die Bevölkerung im Alltag begegnete“, betonte er.
Im Mittelpunkt des Abends stand der Band „NS-Belastete aus Unterfranken“, aus dem Proske exemplarisch die Biografie des ehemaligen Würzburger NSDAP-Kreisleiters Xaver Knaup vorstellte. Anhand dieses Falles zeigte er die Herausforderungen historischer Täterforschung auf – insbesondere dann, wenn die Quellenlage lückenhaft ist. Dennoch gelang es ihm, ein vielschichtiges Bild eines Funktionärs zu zeichnen, der als „Musternazi“ galt und maßgeblich an zentralen Ereignissen der NS-Zeit beteiligt war.
Proske schilderte unter anderem Knaups Rolle während der Novemberpogrome 1938 in Würzburg sowie seine spätere Tätigkeit in besetzten Gebieten Europas, etwa im norwegischen Oslo und im polnischen Łódź (damals „Litzmannstadt“). Besonders eindrücklich war dabei die Darstellung, wie nationalsozialistische Herrschaft nicht nur durch zentrale Befehle, sondern durch das Handeln lokaler Funktionäre umgesetzt wurde.
Ein zentrales Thema des Vortrags war die Frage nach den Motiven und Mentalitäten der Täter. Proske machte deutlich, dass viele der Beteiligten sich selbst nicht als verbrecherisch wahrnahmen, sondern ihr Handeln ideologisch rechtfertigten. Gleichzeitig verwies er auf die Rolle von Mitläufern und die gesellschaftlichen Bedingungen wie die hohe Arbeitslosigkeit, die solche Entwicklungen begünstigten.
Auch die Nachkriegsgeschichte wurde thematisiert: Trotz seiner nachweisbaren Beteiligung an NS-Verbrechen wurde Knaup nach dem Krieg nur zu einer vergleichsweise milden Strafe verurteilt und starb 1950 in Würzburg – ohne sich jemals für seine Taten in den besetzten Gebieten verantworten zu müssen.
Die Veranstaltung machte deutlich, wie nah die NS-Geschichte auch heute noch ist – allen voran auf regionaler Ebene. Proske ermutigte dazu, sich weiterhin kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und betonte, dass noch viele Forschungsfragen offen seien. Gerade jüngere Generationen könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten. Sabrina Zinke, kommissarische Leiterin des Würzburger Stadtarchivs, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, wie wichtig die Aufgabe und die Verantwortung der Archivare sei – als Türöffner und Behüter der Quellen, die durch den Zugang zu Quellen darüber entscheiden könnten, wie Teile der Geschichte geschrieben werden.
Die Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ versteht sich nicht nur als historisches Projekt, sondern auch als Impuls für eine lebendige Erinnerungskultur vor Ort.
Auf dem Bild: Dr. Wolfgang Proske liest aus seinem Buch über den Würzburger Nazi Xaver Knaup.
Foto: Christian Weiß

