WÜRZBURG – Ausstellungseröffnungen der Geschichtswerkstatt erfreuen sich jedes Jahr regen Interesses beim Publikum. So konnte Oberbürgermeister Martin Heilig die diesjährige Ausstellung der Geschichtswerkstatt mit dem Titel „Peterer- und Reuererviertel – Die alte Vorstadt im Sand“ vor gut 40 Gästen im Oberen Foyer des Rathauses eröffnen.
Unter ihnen begrüßte Heilig besonders herzlich die 94-jährige Janine Schmitt-di Camillo, die 1952 in der Elefantengasse, also im Petererviertel, mit ihrem Mann die erste Pizzeria Deutschlands, die „Blaue Grotte“, eröffnet hat, und den 97-jährigen Helmut Försch, Historiker, Schriftsteller und ehemaliges Stadtratsmitglied, der sich lange Zeit in der Geschichtswerkstatt im Verschönerungsverein engagiert hat.
Mit der Aussage Johann Wolfgang von Goethes „Der Augenblick ist Ewigkeit“ stieg Heilig in sein Grußwort ein und begrüßte die Möglichkeit, durch die Ausstellung in die Vergangenheit Würzburgs eintauchen zu können. Auch wenn dies im Hinblick auf den 16. März 1945 kein angenehmer Rückblick ist: „Schließlich ist der 16. März der Tag, der unsere Identität bis heute prägt – der Tag, an dem Würzburg fast vollständig zerstört worden ist. Der Tag, an dem in Folge des deutschen Angriffskrieges am 16. März 1945 in Würzburg mehr als 3.000 Menschen ums Leben kamen“, so Heilig.
Die engagierten Mitglieder der Geschichtswerkstatt im Verschönerungsverein haben es sich zur Aufgabe gemacht, das vormalige Würzburg nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. In diesem Jahr richten sie den Blick auf zwei Quartiere, die wie kaum andere besondere Augenblicke, Herz und Seele der südlichen Altstadt verkörpern, die ehemalige Sandervorstand: das Peterer und das Reuerer Viertel.
„Die historischen Aufnahmen, die wir in dieser Ausstellung sehen, sind mehr als nur Fotografien. Sie sind frei nach Goethe Augenblicke in eine ewige Welt, die schon verloren schien, die wir uns aber jederzeit wieder in Erinnerung rufen können. Sie zeigen uns enge Gassen, stolze Fachwerkhäuser und kleine Hinterhöfe, die die beiden Viertel einst ausmachten und es teils bis heute tun“, erläutert Heilig den interessierten Zuhörern. „Sie führen uns vor Augen, wie schmerzhaft der Verlust war – aber sie zeigen uns auch, wie viel wir durch den Wiederaufbau geleistet haben. Die Würzburger Baumeister Joseph Greissing, Antonio Petrini und natürlich Balthasar Neumann haben sich gerade auch in der Sandervorstadt verewigt.“
Für die Wiederaufbauerinnen und Wiederaufbauer sowie damals junge Zeitzeuginnen und Zeitzeugen veranstaltet die Stadt Würzburg jedes Jahr um den 16. März einen „Empfang der Trümmerfrauen“.
„Das Peterer Viertel ist nach der Kirche St. Peter und Paul benannt. Die Kirche selbst mit ihrer prächtigen barocken Fassade – erbaut nach Plänen von Joseph Greissing – erinnert daran, dass hier über Jahrhunderte hinweg Glaube und Gemeinschaft zu Hause waren – und es auch heute noch sind!
Schließlich trägt auch das Reuerer Viertel seinen Namen nach dem Kloster der Unbeschuhten Karmeliten.
Der Augenblick ist Ewigkeit! Wer heute durch diese Viertel spaziert, der spürt dort eine ganz eigene Energie. Gelegen im Spannungsfeld zwischen der geschäftigen Innenstadt, der grünen Lunge des Ringparks und dem weiten Band des Mains sind diese beide Viertel Parade-Beispiele für das Würzburger Lebensgefühl“, beschrieb Oberbürgermeister Heilig die beiden Stadtviertel und lud die Ausstellungsgäste ein, auf Entdeckungsreise zu gehen und sich von den Aufnahmen der Geschichtswerkstatt verzaubern zu lassen.
In ihrem Fachvortrag widmete sich Sabrina Zinke, die kommissarische Leiterin des Stadtarchiv, der Neubaustraße, entführte die Zuhörer zunächst akustisch in den Geräuschemix einer belebten Straße und nahm sie dann mit auf einen Spaziergang durch das Würzburg des Jahres 1582, einem Würzburg mit Stadtmauer und Wassergraben. Zinke schilderte die Entwicklung der Neubaustraße bis in die Neuzeit. „Am 16. März 1945 wurde Würzburg nahezu vollständig zerstört. Auch die Barockhäuser der Neubaustraße blieben nur als Fassadenreste stehen. 1947 deckte die Stadt die Mauerkronen notdürftig mit Zement ab. Erst 1975 beschloss der Stadtrat den Wiederaufbau“, so Zinke.
Am 19. Oktober1979 zog das Stadtarchiv, der Ort, an dem Würzburgs Geschichte aufbewahrt wird, in die Greisinghäuser in der Neubaustraße 10-14 ein. „Alles, was wir heute über diese Straße erzählen können, lagert hier – zwischen alten Bauplänen; Postkarten und Aktenstücken. Das Stadtarchiv Würzburg ist älter als man denkt. Bereits im 15. Jahrhundert werden Archivbestände erwähnt. Ursprünglich lagerten sie im Rathaus, im Grafeneckart. Die wichtigsten Urkunden – kaiserliche, königliche, päpstliche Privilegien – bewahrte man in einer eisernen Truhe auf.“
Heute ist die Neubaustraße ein lebendiger Ort: Barockhäuser, Fachwerk, Schulen und ein der Stadtgesellschaft zugängliches Stadtarchiv.
„Wenn Sie also das nächste Mal hier entlanggehen, dann gehen Sie nicht einfach eine Straße entlang. Sie durchqueren mehrere Jahrhunderte Stadtgeschichte:
vom Wassergraben zur Prachtstraße, vom Fachwerk zum Hochbarock, von der eisernen Urkundentruhe zum modernen Archiv“, zeichnet Zinke die Entwicklung der Neubaustraße.
Die Ausstellung kann vom 3. bis 27. März während der Öffnungszeiten des Rathauses besucht werden, also Montag bis Donnerstag von 8.00 – 18.00 Uhr, Freitag von 8.00 – 13.30 Uhr.
Montags bis donnerstags, jeweils von 10 – 15 Uhr, sind Vertreter der Geschichtswerkstatt als Ansprechpartner vor Ort.
Für die Ausstellung wurde wieder eine umfangreich bebilderte und textlich mit vielen Einzelheiten ausgeführte Themen-Broschüre erstellt. Diese kann während der Ausstellung vor Ort, danach in der Geschichtswerkstatt sowie in den Buchhandlungen „Schöningh“, „Knodt“, „Neuer Weg“ und „Hugendubel“ erworben werden. Ältere Hefte sind meist in der Buchhandlung „Schöningh“ vorrätig.
Erreichbar ist die Geschichtswerkstatt über die Email gw@vvw-online.com und die Telefonnummer des Verschönerungsvereins 0931/88065420 (Öffnungszeiten der Geschäftsstelle: donnerstags von 16.30 bis 18 Uhr).
Im „Lädele“ in der Pleicherpfarrgasse 16 sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter erst wieder nach der Ausstellung montags von 14 bis 18 Uhr erreichbar.
Auf dem Bild: Freuen sich über die Ausstellungseröffnung (v.l.n.r.): Sabrina Zinke (komm. Leiterin Stadtarchiv), Oberbürgermeister Martin Heilig, Heinz Försch, Roland Krauß, Petra Girstl, Peter Heß, Barbara Keller, Elfriede Doßler (alle Geschichtswerkstatt)
Foto: Petra Steinbach

