SCHWEINFURT – Außenseiter in der alten Heimat, Außenseiter in der neuen Heimat – dieses Gefühl kennen viele Menschen, die als sogenannte Russlanddeutsche Anfang der 1990er-Jahre aus der zusammengebrochenen Sowjetunion nach Deutschland kamen.
Wie aktuell diese Schicksale bis heute sind, zeigte sich bei der Lesung von Ira Peter aus ihrem Buch „Nicht deutsch genug?“. Eingeladen hatte Oberbürgermeister-Kandidat Ralf Hofmann in den Saal des Guts Deutschhof.
Nach einer Kindheit in Kasachstan liege ihre Wohlfühltemperatur noch immer bei minus 35 Grad Celsius, erzählte die Autorin. Nicht nur bei diesem Satz reagierte das Publikum mit wissendem Lächeln und eifrigem Kopfnicken – Indizien dafür, dass viele im Saal ähnliche Erfahrungen wie Peter gemacht hatten. Etwa, dass ihre Familie Reisigbesen nach Deutschland mitgebracht habe, weil sie fest überzeugt gewesen sei, so gute Reisigbesen wie in Kasachstan gebe es nirgendwo auf der Welt.
Ira Peter war eine von rund 2,4 Millionen Russlanddeutschen, die nach Deutschland kamen. Dass das Publikum sich so mitgenommen fühlte, lag auch an der Moderatorin Ella Schindler. Die Redakteurin gestaltete die Lesung eher als kurzweiligen Dialog denn als strenge Literaturlesung. Schindler war im gleichen Jahr wie Peter als Jugendliche aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Sie bestätigte Peters eindrückliche Schilderungen aus eigenem Erleben.
Viele von Peters Anekdoten rankten sich um die titelgebende Frage ihres Buches. Waren Deutsche in der Sowjetunion harten Verfolgungen ausgesetzt gewesen, galten sie in der Bundesrepublik plötzlich als „nicht deutsch genug“. Sie berichtete von Scham, als sie auf dem Gymnasium zwischen lauter Akademikerkindern saß und nicht zugeben wollte, dass ihre Mutter sich mit vier gleichzeitigen Putzstellen durchschlug, weil ihre Berufsabschlüsse nicht anerkannt worden waren. Die mangelnde Integrationsförderung von Migrantinnen und Migranten, etwa durch Weiterbildung, ziehe sich durch die gesamte bundesrepublikanische Geschichte, erinnerte Peter. Derselbe Fehler sei bereits bei den Vertriebenen und den sogenannten Gastarbeitern gemacht worden – und später erneut bei den Russlanddeutschen.
Peter legte Wert darauf, dass es „die“ Russlanddeutschen nicht gebe. Dafür unterschieden sie sich zu stark – nach Herkunftsregionen, nach Religionen und nach individuellen Migrationserfahrungen. Ein gemeinsames Auftreten in der Öffentlichkeit scheitere nicht nur daran, sondern auch an einer aus Sowjetzeiten fortwirkenden Abneigung, offen über Politik zu diskutieren. Peter widersprach nachdrücklich dem Klischee, Russlanddeutsche würden durchgängig russischer Propaganda aufsitzen und Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine feindlich gegenüberstehen. Gerade wegen der vielfältigen Einstellungen bei den Russlanddeutschen gebe es zahlreiche Gruppen, die sich in der Ukrainehilfe engagierten.
Der Abend im Gut Deutschhof trug jedenfalls dazu bei, das Schweigen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen zu brechen, wie die lebhafte Diskussion zum Abschluss zeigte. Gastgeber Ralf Hofmann verwies auf seine Lehren aus der Begegnung mit Ira Peter: „Die Aufgabe der gesamten Stadtgesellschaft lautet, Sichtbarkeit zu schaffen. Ohne die doppelten Kränkungserfahrungen jener Menschen zu kennen, die aus der ehemaligen Sowjetunion zu uns gekommen sind, kann es kein Verständnis für bestimmte Lebenssituationen geben.“ Zudem gebe es viele private und berufliche Erfolgsgeschichten von Aussiedlern, die es viel häufiger zu erzählen gelte.
Fotos: Marc Hanson



