WÜRZBURG – Auf dem Würzburger Kiliansplatz ist der Gedenkort für Betroffene sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg am Samstag, 31. Oktober, an die Öffentlichkeit übergeben worden. Zentrales Motiv ist das Kunstwerk „AUFSTEHEN“ der Bildhauerin Karin Wein.
Der Gedenkort ist Menschen gewidmet, die sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erfahren haben. Die Initiative ging vom Betroffenenbeirat im Bistum Würzburg aus. Der Gedenkort sei ein „wichtiger Markstein der Erinnerungskultur“ im Bistum, sagte Bischof Dr. Franz Jung. Der Standort auf einem öffentlichen Platz gleich neben dem Kiliansdom sei Teil der Botschaft, sagte Dr. Elke Zehtner, Mitglied des Betroffenenbeirats im Bistum Würzburg: „Hier dürfen die Betroffenen und ihre Geschichten dauerhaft sichtbar sein.“
Der Missbrauch sei eine offene Wunde, die nicht heile, weil noch immer Menschen unter den Folgen dessen litten, was ihnen im Raum der Kirche angetan wurde, sagte Bischof Jung in seiner Ansprache. „Eine offene Wunde sensibilisiert für die Schmerzen und zwingt zu einem vorsichtigen und vorausschauenden Umgang. Genau darum geht es hier und heute.“ Der Begriff „Gedenkort“ drücke aus, um was es gehen solle: „Jede und jeder kann sich hier auf seine ganz eigene Weise wiederfinden. Mit den eigenen traumatisierenden Erinnerungen, den eigenen Befürchtungen, dem eigenen Schmerz, der eigenen Trauer, der eigenen Angst, der eigenen Erfahrung von Ohnmacht und Hilflosigkeit, dem Rückblick auf die eigene Lebensgeschichte und die eigenen Brüche und Dunkelheiten, aber vielleicht auch auf die eigenen Versuche, sich vorsichtig wieder ins Leben zurück zu tasten.“
Der Standort nahe des Kiliansdoms, der Hauptkirche des Bistums, mache deutlich, dass es sich beim Missbrauch um Verbrechen handele, die sich im Raum der Kirche ereigneten und die zur Geschichte der Ortskirche von Würzburg gehören, erklärte Bischof Jung. Als oberster Repräsentant des Bistums habe er die Verantwortung für die Versäumnisse des Bistums und seiner Verantwortungsträger übernommen, die im von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg (UKAM) in Auftrag gegebenen Gutachten benannt wurden. Was er bei dessen Entgegennahme gesagt habe, gelte auch heute: „Ich bitte um Entschuldigung für die Jahre des Schweigens, der Verleugnung und der Untätigkeit.“ Ihm sei „sehr bewusst, dass viele dieser Bitte aus gutem Grund nicht werden nachkommen können“.
Bischof Jung dankte dem Betroffenenbeirat im Bistum Würzburg für das konstruktive Miteinander. Er wünschte dem Gedenkort, dass dieser seine Aufgabe erfüllen möge: „Das heißt für mich konkret, dass er uns dafür sensibilisiert, wie verletzlich Menschen sind, und dass er uns als Kirche weiter zu einem achtsamen Umgang im Miteinander verpflichtet. Denn dass Kirche auch verletzen kann, war die bittere Lektion, die wir lernen mussten. Diese Lektion gilt es nicht zu vergessen bei all unserem Tun.“
Der Gedenkort erzähle von etwas, das lange keinen sichtbaren Platz hatte, sagte Zehtner. Die zehn Stelen aus Eichenholz des Kunstwerks „AUFSTEHEN“ erinnerten an Kinder und Jugendliche im Alter ihrer Missbrauchserfahrung. „Aber diese Stelen zeigen noch etwas: Menschen, die aufrecht stehen, die nicht mehr verborgen sind, die gemeinsam sichtbar werden.“ Aufstehen könne bedeuten, sich selbst einzugestehen, dass einem Unrecht widerfahren sei, anderen Menschen davon zu erzählen und Hilfe zu suchen, oder auch einfach nur, den nächsten Tag zu bewältigen. „Wir wissen, wie schwer der Weg aus dem Schweigen sein kann.“ Vielen Betroffenen sei nicht geglaubt oder ihre Aussagen seien relativiert worden. Sie benannte das Verschweigen, Vertuschen und Wegsehen als zweites Unrecht, das den Betroffenen widerfahren sei. Der Standort unmittelbar neben dem Dom sei Teil der Botschaft: „Dort, wo Kirche sichtbar ist, soll auch sichtbar sein, was Menschen innerhalb dieser Kirche angetan wurde.“
Der Begriff „AUFSTEHEN“ erinnere an das Leitwort „Hab Mut, steh auf!“ des 104. Deutschen Katholikentags. Doch Mut lasse sich nicht verordnen, betonte sie: „Niemand darf bestimmen, wann ein Mensch bereit sein muss, zu sprechen.“ Deshalb sei „AUFSTEHEN“ nicht als Forderung an die Betroffenen zu verstehen, sondern als Ermutigung, erklärte sie. Doch sei es eine Forderung an Kirche und Gesellschaft: „Schafft Bedingungen, unter denen Menschen aufstehen können. Hört hin, wenn sie sprechen, und schaut nicht wieder weg.“ Sie richtete sich an alle, die selbst betroffen sind und noch schweigen: „Dieser Ort ist auch Ihr Ort. Sie sind nicht allein. Wenn Sie sprechen möchten, soll Ihnen zugehört werden.“ Die Vergangenheit lasse sich nicht ändern, „aber wir können verändern, wie wir heute mit ihr umgehen“, sagte sie. Doch Institutionen könnten und müssten verändern, wie sie mit Betroffenen umgehen. Deshalb richte sich der Gedenkort auch an die Kirche und die Gesellschaft.
Die Folgen des Missbrauchs endeten oft nicht bei den unmittelbar Betroffenen, mahnte Zehtner: „Unsere Partnerinnen und Partner, unsere Kinder, Familien und Freunde erleben mit, was die Vergangenheit mit uns macht.“ Sie dankte ihnen für das Zuhören, Begleiten, Aushalten und Bleiben. Sie dankte zudem allen, die an der Planung und Verwirklichung des Gedenkorts mitgewirkt hatten, besonders der Künstlerin Wein: Diese habe sich auf ein schwieriges Thema eingelassen und sich „mit großer Sensibilität in unsere Gedanken und Erfahrungen hineingefühlt“. Mit der Übergabe an die Öffentlichkeit werde der Gedenkort ein Stück weit in die Verantwortung aller übergeben. „Wir wünschen uns, dass Menschen hier stehen bleiben, lesen, Fragen stellen“, sagte sie. „Möge dieser Ort uns daran erinnern, dass Aufstehen Veränderung braucht, und Veränderung Verantwortung. Möge er dazu beitragen, dass niemand mehr sagen kann: Wir haben nichts gewusst.“
Ein Bläserquartett mit Florian Bieber, Armin Bestelmeyer, Michael Brand und Tobias Jung umrahmte die Übergabe des Gedenkortes musikalisch.
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Auf den Bildermn © Kerstin Schmeiser-Weiß (POW) |
- Dr. Elke Zehtner, Mitglied des Betroffenenbeirats im Bistum Würzburg, und Bischof Dr. Franz Jung übergaben den Gedenkort an die Öffentlichkeit.
Zum Kunstwerk gehören fünf Keramikkacheln, die in den Boden eingelassen sind. Sie greifen Gedanken zu Verletzung, bleibenden Spuren, Mut, Entwicklung und neuer Zukunft auf.


