WÜRZBURG – Der SV Würzburg 05 brachte Weltmeister hervor und machte das Wolfgang-Adami-Bad zu einer wichtigen Adresse des deutschen Schwimmsports. Der Fall Stefan Lurz und der Umgang damit haben jedoch Spuren hinterlassen, die sich nicht einfach wegschwimmen lassen.
Es gab Zeiten, da musste man in Würzburg nicht erklären, warum das Wolfgang-Adami-Bad etwas Besonderes ist. Der SV Würzburg 05 war eine der großen Adressen des deutschen Schwimmsports. Hier trainierten Athleten, die bei Welt- und Europameisterschaften Medaillen gewannen. Thomas Lurz wurde zum erfolgreichsten deutschen Freiwasserschwimmer, Leonie Beck holte später ebenfalls WM- und EM-Titel. Würzburg war Bundesstützpunkt. Das kleine Bad im Frauenland spielte international eine erstaunlich große Rolle.
Wenn Leonie Beck nun mit gerade einmal 29 Jahren ihr Karriereende offiziell macht, endet damit auch ein weiteres Kapitel dieser großen Würzburger Schwimmgeschichte. Becks Entscheidung hat selbstverständlich nichts mit den Vorgängen beim SV Würzburg 05 zu tun. Sie trainierte seit Jahren in Italien und hat ihre ganz persönliche Entscheidung getroffen. Trotzdem drängt sich beim Blick auf den Standort eine Frage auf: Was ist eigentlich aus dem einstigen Vorzeigeprojekt geworden?
Die Antwort führt zwangsläufig zum Fall Stefan Lurz.
Der langjährige Würzburger Trainer und frühere Bundestrainer wurde 2022 wegen sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen in zwei Fällen rechtskräftig verurteilt. Der Strafbefehl sah sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung vor. Während der dreijährigen Bewährungszeit durfte Lurz zudem weder beruflich noch ehrenamtlich als Schwimmlehrer oder in einer vergleichbaren Funktion tätig sein.
Das ist keine Randnotiz in der Geschichte des Vereins. Stefan Lurz war über Jahre einer der prägenden Männer des Würzburger Leistungssports. Er war Cheftrainer des Bundesstützpunktes und früher auch Geschäftsführer des SV Würzburg 05. Sein Bruder Thomas Lurz, selbst zwölfmaliger Weltmeister, steht heute als Präsident an der Spitze des Vereins. Entscheidend für die Bewertung des Vereins ist allerdings nicht, dass ein Familienmitglied eines Vereinspräsidenten straffällig geworden ist. Dafür kann Thomas Lurz nicht verantwortlich gemacht werden. Entscheidend ist vielmehr, wie der Verein mit dem verurteilten Trainer anschließend umging.
Und genau hier begann das eigentliche Glaubwürdigkeitsproblem.
Obwohl Stefan Lurz nicht mehr als Trainer arbeiten durfte, beschäftigte ihn der SV Würzburg 05 zunächst weiterhin als kaufmännischen Angestellten. Rechtlich war das zulässig. Moralisch war es insbesondere für einen Verein, dem Eltern ihre Kinder und Jugendliche anvertrauen, eine bemerkenswert schlechte Entscheidung. Erst nachdem eine ARD-Dokumentation 2022 den Fall erneut öffentlich gemacht hatte und massive Kritik aufgekommen war, kündigte Stefan Lurz. Arbeitsverhältnis und Vereinsmitgliedschaft wurden anschließend beendet. Deshalb ist auch eine Behauptung falsch, die heute gelegentlich noch kursiert: Stefan Lurz ist nicht mehr beim SV Würzburg 05 beschäftigt. Das ändert allerdings nichts daran, dass man fragen darf, warum es damals überhaupt öffentlichen Druck brauchte.
Besonders deutlich formulierte es seinerzeit Wildwasser Würzburg. Die Beratungsstelle kritisierte, es entstehe der Eindruck, dass die Beschäftigung und die Rechte des verurteilten ehemaligen Trainers wichtiger genommen würden als der Schutz der betroffenen Schwimmerinnen. Wildwasser vermisste beim Verein Sensibilität und eine klare Haltung gegenüber den jungen Menschen, die dort geschädigt worden waren. Das sind Sätze, die einem Sportverein bis heute zu denken geben sollten.
Denn ein Schwimmbad, in dem Kinder und Jugendliche täglich trainieren, ist eben kein gewöhnlicher Arbeitsplatz. Trainer haben enorme Macht. Sie bestimmen Trainingspläne, Wettkämpfe und Karrierewege. Leistungssportler verbringen mit ihnen teilweise mehr Zeit als mit Lehrern oder sogar ihren Eltern. Umkleiden, Trainingslager und körperliche Nähe gehören zum Alltag. Gerade deshalb muss der Maßstab für den Umgang mit sexualisierter Gewalt besonders hoch sein.
Der Fall hatte schließlich auch sportliche Folgen. Als 2024 die Schließung des Würzburger Freiwasser-Bundesstützpunktes drohte, stellte der Bayerische Schwimmverband selbst einen Zusammenhang mit den Vorgängen her. Vizepräsident Harald Walter sagte damals gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“: „Für uns war klar, dass nach den Vorfällen um Stefan Lurz der Stützpunkt nicht mehr zu halten sein wird.“ Hinzu kam ein handfestes sportliches Problem: Athletinnen und Athleten waren abgewandert beziehungsweise neue Sportler blieben aus, sodass Würzburg die notwendigen Kriterien für den Stützpunktstatus nicht mehr erfüllte.
Allerdings gehört zur vollständigen Geschichte auch eine Wendung, die man nicht unterschlagen darf: Der Bundesstützpunkt wurde letztlich nicht geschlossen. Der Deutsche Schwimm-Verband entschied sich Ende 2024 doch dafür, Würzburg zunächst zu behalten. Der Standort erhielt eine neue Bezeichnung und blieb als süddeutsche Trainingsmöglichkeit bestehen.
Gerade das macht die Situation interessanter. Würzburg ist nicht einfach von der Schwimm-Landkarte verschwunden. Auch der SV Würzburg 05 ist keineswegs sportlich tot. Noch im Mai 2026 stellte der Verein beim Süddeutschen Schwimmerischen Mehrkampf zehn Nachwuchsathleten und damit nach eigenen Angaben sogar die größte Mannschaft aller bayerischen Vereine. 68 persönliche Bestzeiten bei 79 Starts sprechen ebenfalls nicht für einen Verein, in dem überhaupt keine Nachwuchsarbeit mehr stattfindet.
Wer einen politischen Kommentar schreibt, sollte auch solche Fakten nennen. Gerade dann wird die Kritik glaubwürdiger. Denn das Problem des Wolfgang-Adami-Bades besteht nicht darin, dass dort niemand mehr schwimmen kann. Das Problem ist die gewaltige Fallhöhe. Hier entstand über Jahrzehnte eine Erfolgsgeschichte, in der Trainer, Athleten und Funktionäre eng miteinander verbunden waren. Gerade dieses System brachte außergewöhnliche sportliche Resultate hervor. Doch genau solche engen Strukturen müssen sich spätestens dann grundsätzlich hinterfragen, wenn innerhalb dieses Systems sexualisierte Gewalt stattgefunden hat.
Wenn beispielsweise formale Voraussetzungen, fehlendes Personal oder andere Ausbildungsstandards ausschlaggebend waren, wäre es unseriös, daraus nachträglich eine Sanktion wegen des Missbrauchsfalls zu konstruieren. Sollte die zuständige Stelle dagegen Zweifel an personellen Strukturen, Zuverlässigkeit, Aufsicht oder Schutzkonzepten benennen, bekäme die Sache eine vollkommen andere Dimension.
Fabian Riedner
redaktion@mainfranken.news
Foto: ChatGPT / künstliche Intelligenz

