Politischer Protest gehört zu einer freien Stadt. Illegale Schmierereien auf Containern, Häusern und Verkehrsanlagen dagegen nicht. Würzburg braucht einen besseren Umgang mit einem Problem, für das die Stadt häufig nicht einmal selbst zuständig ist.
Seit rund 16 Monaten sehe ich dieselbe Botschaft an einem Altglascontainer in Würzburg: „Free Gaza“. Sie wurde dort nicht im Rahmen einer Demonstration gezeigt, nicht auf ein Transparent geschrieben und nicht auf einer dafür vorgesehenen Fläche angebracht. Jemand hat einen Gegenstand im öffentlichen Raum für seine politische Botschaft benutzt, obwohl ihm dieser Gegenstand nicht gehört.
Man könnte das als Kleinigkeit abtun. Ein bisschen Farbe, ein politischer Spruch, irgendwann wird er schon verschwinden. Genau diese Haltung halte ich für falsch. Denn inzwischen ist aus dem einzelnen Schriftzug längst ein grundsätzliches Problem geworden. Wer durch Grombühl läuft, findet politische Tags an verschiedenen Stellen. Manche verschwinden, andere bleiben. Und irgendwann entsteht der Eindruck, als gehöre diese Form der politischen Markierung einfach zum Stadtbild.
Dabei muss man zwei Dinge strikt voneinander trennen. Man kann die israelische Regierung kritisieren. Man kann sich mit den Menschen im Gazastreifen solidarisieren. Man kann für einen palästinensischen Staat demonstrieren. Man kann über das Vorgehen Israels, die Hamas, die Geiseln, zivile Opfer und die deutsche Außenpolitik leidenschaftlich streiten.
All das gehört in eine Demokratie. Fremdes Eigentum gehört einem trotzdem nicht. Das klingt banal, scheint aber zunehmend erklärungsbedürftig zu sein. Eine politische Überzeugung verschafft niemandem das Recht, Hauswände, Stromkästen, Container, Verkehrsschilder oder anderes Eigentum als kostenlose Werbefläche zu benutzen. Dabei zeigt ausgerechnet Grombühl, dass es anders geht.
In der Grombühlstraße 18a befindet sich seit 2023 ein riesiges Graffiti mit der Botschaft „Stop Bombing Civilians“. Die Arbeit entstand mit Unterstützung der Stadt Würzburg und Handicap International. Sie erinnert an die Folgen von Bombardierungen für die Zivilbevölkerung und bezog sich schon damals auf verschiedene Kriegsschauplätze. Das Werk wurde am 16. März eingeweiht – bewusst am Jahrestag der Zerstörung Würzburgs im Zweiten Weltkrieg. Man kann über die Aussage diskutieren. Man kann sie gut finden oder nicht. Aber niemand musste dafür nachts einen fremden Container besprühen.
Das ist der Unterschied zwischen politischer Kunst und Vandalismus. Noch deutlicher wurde das Problem 2025 an einem anderen Ort Würzburgs. Unbekannte beschmierten das Straßenschild der Klara-Ullmann-Straße mit einer „Free Palestine“-Parole. Ausgerechnet diese Straße trägt den Namen einer jüdischen Würzburgerin. Die Polizei sprach damals von einer „politischen Parole“ und nahm Ermittlungen auf.
Spätestens bei solchen Fällen kann niemand mehr behaupten, der Ort einer politischen Botschaft spiele keine Rolle. Natürlich steht die Stadt Würzburg dabei vor einem praktischen Problem. Nicht jeder Gegenstand, der im öffentlichen Raum steht, gehört der Stadt. Container können von privaten Unternehmen betrieben werden, Fassaden gehören privaten Eigentümern und andere Flächen wiederum Wohnungsunternehmen oder sonstigen Institutionen. Eine Kommune kann nicht einfach einen Reinigungstrupp auf fremdes Eigentum schicken.
Das ist eine vernünftige rechtliche Grenze. Aber aus „Wir sind nicht zuständig“ darf nicht „Dann können wir leider nichts machen“ werden. Wenn ein politischer Schriftzug anderthalb Jahre an einem Container steht, interessiert den normalen Bürger am Ende nicht mehr, welche Gesellschaft Eigentümer des Containers ist, wer ihn betreibt und welche Vertragskonstruktion dahintersteht. Er sieht einen Gegenstand im Würzburger Stadtgebiet.
Und er sieht, dass offenbar nichts passiert. Genau hier braucht es eine bessere kommunale Strategie. Die Stadt muss nicht jede Schmiererei selbst entfernen. Sie könnte aber dafür sorgen, dass Meldungen zentral angenommen, Eigentümer schnell ermittelt und Betreiber zur Beseitigung aufgefordert werden. Bei wiederkehrenden Problemen könnten feste Ansprechpartner mit großen Wohnungsunternehmen, Versorgern, Verkehrsbetrieben und Entsorgungsunternehmen vereinbart werden.
Vor allem müsste die Regel lauten: Politische Schmierereien werden unabhängig von ihrer Botschaft gleich behandelt. „Free Gaza“ darf nicht stehen bleiben, weil jemand die Forderung sympathisch findet. «Israel raus» dürfte ebenso wenig stehen bleiben. Ein AfD-Slogan wäre nicht akzeptabler. Ein kommunistisches Symbol bekäme keinen Freifahrtschein. Und auch ein «Free Ukraine» würde fremdes Eigentum nicht plötzlich zur erlaubten Plakatwand machen.
Sebastian Schmitt
redaktion@mainfranken.news


