SENNFELD – Mit einer neuen Arbeitsbegleitenden Maßnahme greift die Werkstatt für behinderte Menschen Sennfeld der Lebenshilfe Schweinfurt seit April ein Thema auf, das in der Behindertenhilfe oft noch tabuisiert wird.
Sexualität, Partnerschaft und Aufklärung. Das neue Bildungsangebot richtet sich an die über 400 Werkstatt-Mitarbeitenden mit Behinderung und wird bereits sehr gut angenommen.
Arbeitsbegleitende Maßnahmen (ABM) gehören fest zum pädagogischen Konzept der Werkstatt Sennfeld. Sie fördern soziale Kompetenzen, lebenspraktische Fähigkeiten und persönliche Entwicklung. „Die Werkstatt ist nicht nur Arbeits-, sondern auch Lern- und Lebensort“, betont Werkstattleiter Günter Scheuring. Das neue Angebot nehme sich eines wichtigen Themas aus der Lebenswelt der Mitarbeitenden an und sei „inhaltlich und in der Umsetzung ausgezeichnet“.
Entwickelt wurde die neue ABM von den Gruppenleitern Birgit Heilmann und Marcel Emmerling. Mit Unterstützung künstlicher Intelligenz schufen sie „Lotti Libido“ und „Leo Love“, gezeichnete Alter Egos, die ihnen zum Verwechseln ähnlichsehen. Lotti und Leo vermitteln den ABM-Teilnehmenden in einer Broschüre und in Powerpoint-Präsentationen auf humorvolle und leicht verständliche Art und Weise Wissen rund um Liebe, Gefühle, Verhütung, Körperhygiene, Geschlechtskrankheiten, Gewaltschutz und angemessenes Verhalten am Arbeitsplatz.
„Jeder hat das Recht, seine Sexualität auszuleben“, sagt Marcel Emmerling. Gleichzeitig brauche es Orientierung und klare Regeln im Arbeitsalltag. Birgit Heilmann ergänzt: „Wir wollen unsere Betreuten dort abholen, wo sie stehen.“ Deshalb findet der Unterricht in kleinen Gruppen und in Leichter Sprache statt. Der Umgang miteinander ist locker und offen. Praktische Übungen – beispielsweise wie man die passende Kondomgröße ermittelt und das Verhütungsmittel anlegt – bauen Berührungsängste ab und schaffen Sicherheit.
Dass das Thema gesellschaftlich und zum Teil auch für Eltern und Angehörige behinderter Menschen weiterhin sensibel ist, ist den Verantwortlichen bewusst. Dennoch sei es wichtig, Sexualität von Menschen mit Behinderung nicht auszublenden.
Der Bedarf ist offensichtlich: Für die erste Kursreihe haben sich bereits 25 Mitarbeitende angemeldet, darunter etwa gleich viele Frauen wie Männer.
Die neue ABM umfasst zunächst sechs wöchentliche Einheiten à zwei Stunden. Anschließend folgen vertiefende Angebote in getrennten Gruppen für Frauen und Männer. Humor gehört dabei ausdrücklich zum Konzept. „Sei kein Dummi, nimm den Gummi“, bringen Lotti Libido und Leo Love zum Beispiel das Fazit einer Unterrichtseinheit auf den Punkt.
Auf dem Bild: Aufklärung mit Humor, Offenheit und in Leichter Sprache: In der Lebenshilfe-Werkstatt Sennfeld informieren Birgit Heilmann (l.) und Marcel Emmerling (2. v. l.) mithilfe ihrer KI-generierten Alter Egos „Lotti Libido“ und „Leo Love“ Mitarbeitende mit Behinderung über Liebe, Sexualität und Partnerschaft. Werkstattleiter Günter Scheuring begrüßt die große Resonanz auf das praxisnahe, neue Kursangebot.
Foto: Reto Glemser

