STUTTGART – Die Brillenbärin Cashu ist heute in den italienischen Parco Natura Viva in Bussolengo umgezogen. Die am 20. Dezember 2002 im Zoo Zürich geborene Bärin lebte seit März 2021 gemeinsam mit ihrer Tochter Suyana in der Wilhelma.
Mit ihrem Weggang werden nun die Voraussetzungen geschaffen, um künftig einen männlichen Brillenbär dauerhaft im Zoologisch-Botanischen Garten Stuttgart zu halten und die Zucht gezielt voranzubringen. Der Fokus liegt dabei auf der mittlerweile achtjährigen Suyana, die sich in einem optimalen Alter für die Fortpflanzung befindet.
Mutter und Tochter waren im März 2021 gemeinsam in die Wilhelma eingezogen. In den vergangenen Jahren wurden beide Tiere zunächst bewusst nicht zur Zucht eingesetzt. Diese Entscheidung erfolgte im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP), das die Fortpflanzung der Tiere gezielt steuert. In der modernen Zoohaltung ist es üblich, nicht alle Individuen gleichzeitig zur Zucht zuzulassen, um eine möglichst hohe genetische Vielfalt innerhalb der Population zu erhalten.
Sichere Sozialstruktur für eine erfolgreiche Zucht
Mit Blick auf ihre biologische Entwicklung befindet sich Suyana nun in einem Alter, in dem eine erfolgreiche Fortpflanzung wahrscheinlich wird. „Um eine langfristig stabile und genetisch vielfältige Population zu sichern, ist es entscheidend, dass zuchtfähige Tiere zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt werden“, erläutert Wilhelma-Direktor Dr. Thomas Kölpin. „Mit Suyana haben wir eine Bärin im besten Zuchtalter, für die nun ein geeigneter Partner vorgesehen ist.“
Ein erster Versuch, Suyana mit dem männlichen Brillenbär Hubärt aus dem österreichischen Tierpark Herberstein zu verpaaren, blieb im Jahr 2025 erfolglos. Trotz mehrfacher Paarungen kam es zu keiner Trächtigkeit, was unter anderem mit der vergleichsweise kurzen Aufenthaltsdauer von Hubärt von etwas mehr als zwei Monaten zusammenhängen könnte. Für die kommende Zeit ist daher geplant, einen männlichen Brillenbär dauerhaft in der Wilhelma zu halten, um stabile soziale Bedingungen für eine erfolgreiche Zucht zu schaffen.
Bedeutung für den Artenschutz
Die koordinierten Erhaltungszuchtprogramme der EAZA (EEP) verfolgen das Ziel, eine gesunde Reservepopulation bedrohter Tierarten in menschlicher Obhut aufzubauen und zu erhalten. Auch die Zucht von Brillenbären erfolgt im Rahmen des EEP. Ziel ist der Aufbau einer genetisch vielfältigen Reservepopulation. In der Natur steht die Art unter Druck. Lebensraumverlust und die Zerschneidung von Habitaten gefährden die Bestände. Wissenschaftlich geführte Zoos wie die Wilhelma leisten in diesem Kontext einen wichtigen Beitrag: Sie sichern nicht nur das Überleben einzelner Arten in menschlicher Obhut, sondern generieren auch wissenschaftliche Erkenntnisse zu Verhalten, Fortpflanzung und Haltung. Gleichzeitig fungieren sie als Bildungsorte, die Besucherinnen und Besucher für die Bedeutung intakter Ökosysteme sensibilisieren und konkrete Zusammenhänge zwischen Artenschutz und menschlichem Handeln vermitteln.
Mit der geplanten Integration eines männlichen Tiers ergeben sich künftig spannende Einblicke in das Sozial- und Fortpflanzungsverhalten dieser faszinierenden Andenbewohner – ein weiterer Schritt im Engagement der Wilhelma für den globalen Artenschutz.
Biologie und Lebensweise der Brillenbären
Der Brillenbär (Tremarctos ornatus) ist die einzige heute noch lebende Bärenart Südamerikas. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich entlang der Anden von Venezuela bis Bolivien, wo er vor allem in Nebelwäldern und hochgelegenen Bergregionen lebt. Charakteristisch sind die hellen, individuell Fellzeichnungen im Gesichtsbereich, die an eine Brille erinnern und jedem Tier ein unverwechselbares Erscheinungsbild verleihen. Brillenbären ernähren sich hauptsächlich von pflanzlicher Kost wie Früchten, Beeren, Nüssen und Samen sowie gelegentlich von tierischer Nahrung wie Insekten oder Kleintieren. Brillenbären sind auf der Roten Liste der IUCN als gefährdet eingestuft.
Auf dem Bild: Brillenbärin Cashu
© Wilhelma Stuttgart/Birger Meierjohann

