GOCHSHEIM – Der Historische Förderkreis Gochsheim-Weyer lud zum 33. Erzählcafé in den Museumskeller. Bernd Ehrlitzer begrüßte als 1.Vorsitzender rund 30 Gäste im Museumskeller der Kirchgaden in Gochsheim.
Und dann legte Bernhard Ludwig mit seiner Lebensgeschichte los. Taufe, Schulzeit, Konfirmation, Hochzeit – alles fand in Gochsheim statt, nur seine Geburt erfolgte in Schweinfurt. Seine Eltern Amalie und Johann Ludwig bewirtschafteten eine kleine Landwirtschaft, in der die Mithilfe der Kinder notwendig war.
Einschulung 1956 im Schulhaus in der Grettstadter Straße, 1960 Umzug in die neue Schule, 1964 Schulentlassung. Sein ursprünglicher Berufswunsch, Mechaniker zu werden, scheiterte daran, dass seine Mutter nicht neben ihrem Gatten noch jemand mit ölverschmutzten Kleidern in der Familie wollte. Deshalb durchlief er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann beim Spar-Laden von Hans Seifert.
Diese beendete er mit einem sehr guten Abschlusszeugnis. Zu dieser Zeit war die Selbstversorgung in Gochsheim durch 198 Gewerbetreibende, also auch Bäckereien, Metzgereien und Kaufläden gesichert (heute sind es noch 10-12). Seifert bot Kolonialwaren, Farben und Tapeten und die Kühltheke war gerade mal einen Meter breit für alles, was gekühlt werden musste.
Da man als Jugendlicher familiär an einer sehr kurzen Leine geführt wurde, wurde Ludwig Mitglied im Trachtenverein und beim Spielmannszug und so lernte er die Landshuter Hochzeit, das Oktoberfest und viele Trachtenfeste in nah und fern kennen. Wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten wurde er in der Materialverwaltung von Fichtel & Sachs tätig, bis er 1969 zu den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall kam.
Nach zwei Grundausbildungen (Monatssold 90 DM) wurde er Zeitsoldat für zwei Jahre (Monatssold 720 DM). Jetzt konnte er auch sein abgemeldetes Auto wieder reaktivieren. Der damalige Gochsheimer Bürgermeister erwirkte, dass Ludwig zehn Tage Urlaub bekam, um bei den Planpaaren mitzuwirken. Viermal war er Planbursche, zuletzt als Planältester und lernte auf der Kerm auch seine spätere Gattin kennen, die er 1972 heiratete.
Eigentlich wollte er Zeitsoldat bleiben und seine Freundin sollte beim Arzt in Bad Reichenhall Arzthelferin werden, doch das verhinderte das Veto des Schwiegervaters. So übernahm Ludwig den Laden, bis mit dem neuen und deutlich größeren RG-Center in Gochsheim eine starke Konkurrenz aufkam.
Danach war Flexibilität gefragt: Ludwig arbeitete im Außendienst der Würzburger Bahlsen-Niederlassung, bis diese geschlossen wurde. Anschließend war er zehn Jahre beim OTTO-Versand beschäftigt, danach rund fünf Jahre beim BAUR-Versand. 1985 erwarb er in der Fahrschule Hartmann den Busführerschein, wobei er sich als Fahrschüler selbst um den Bus kümmern musste. Dann organisierte er einige Jahre die Einkaufsfahrten zu BAUR Burgkunstadt, bis er Bertels Reiseservice gründete und ganz Europa von Skandinavien bis Sizilien bereiste.
Im Gegensatz zu heute waren Busreisen damals noch ein echter Renner. Diese Reisetätigkeit sorgte allerdings dafür, dass er sein ehrenamtliches Engagement weitgehend einstellen musste, denn er war kaum noch vor Ort. Trotzdem erinnert er sich noch gerne an die vielen Aktivitäten als Vortänzer, Jugendleiter, Schriftführer und Vorstand, bis Hans-Jürgen Schwartling den Vorsitz des Heimat- und Volkstrachtenvereins übernahm.
Beispielsweise als er 1972 als Vereinsvertreter zu den Olympischen Spielen nach München fahren durfte, die geplante Abschlussfeier, an der er mitgewirkt hätte, aber wegen des Attentats entfiel und durch eine Schweigeminute ersetzt wurde.
Seit 2013 ist Ludwig im „Unruhestand“ und begleitet ehrenamtlich die Symbolfigur des Reichsschultheißen. Als solcher führt er jährlich Gruppen durch das Reichsdorfmuseum oder durch Gochsheim, hält Vorträge, gibt Gastauftritte und liebt es besonders, etwas von seinem umfangreichen historischen Wissen an Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu vermitteln.
Ansonsten sorgen die drei Söhne und die sieben Enkelkinder dafür, dass es nie langweilig wird. Die Trauben seiner 65 Weinstöcke verarbeiten seine Frau und er zu Federweißer und Wein.
Zum Schluss machte der umtriebige Bernhard Ludwig auf die Angebote des Historischen Förderkreises aufmerksam und dankte den Mitwirkenden und Gästen des 33. Gochsheimer Erzählcafés.
Auf den Bildern:
- Unter den rund 30 Gästen beim 33.Erzählcafé waren viele Insider, welche die Ausführungen von Bernhard Ludwig durch interessante Anfügungen bereichern konnten. Auf den Bildern Ludwig als Spar-Einzelhandelskaufmann und als ehrenamtlich tätiger Reichschultheiß.
- Eine kleine Bildergalerie illustrierte die Ausführungen des überzeugten Gochsheimers, der seinen Wohnort kennt und liebt.
Text/Fotos: Peter Volz


