SCHWEINFURT / OBERSCHWARZACH – Für Celine F. (der komplette Name ist der Redaktion bekannt) wird der kommende Mittwoch, 15. April, insofern keine komplett große Belastung, als dass sie nicht vor Gericht aussagen muss, wenn Bernd R. vor der 2. Kleinen Jugendkammer des Landgerichts Schweinfurt angeklagt ist wegen des Missbrauchs von Kindern.
Beim Prozess geht es um Tatvorwürfe, die das Erich Kästner Kinderdorf in Oberschwarzach betreffen. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, sich vor vielen Jahren schon Ende des letzten Jahrhunderts mehrfach an unter 14 Jahre alten Jungs sexuell vergangen zu haben. In einem Wohnwagen am Ort oder in einer Almhütte in Österreich im Urlaub der Jugendgruppen. Für diesen schweren sexuellen Missbrauch wurde er im Januar 2025 vom Amtsgericht Schweinfurt zu drei Jahren Haft verurteilt. Nun steht die Berufungsverhandlung an.
Der Mitangeklagte Rudolf F. kam als damals Heranwachsender mit einer Bewährungstrafe und einem Berufsverbot milde davon. Pikant: Bei ihm handelt es sich um den Sohn der damaligen Einrichtungsleiterin und Gründerin des Kinderdorfs. Rudolf F. gab vor Gericht an, selbst als Kind im Erich Kästner Kinderdorf sexuell missbraucht worden zu sein. Er arbeitete dort später als Erzieher, Bernd R. war laut Anklage zur „Ausführung verschiedentlicher Tätigkeiten
eingesetzt“.
Vom Schweigen aus Angst damals war im Prozess 2025 zu hören. Krass ist, dass es jahrelang nicht zur Anklage kam, weil eine psychiatrische Gutachterin den vielen Opfern nicht glaubte. Celine F. aber schwieg schon damals nicht. Doch auch ihr glaubte zum Zeitpunkt der Taten niemand, dem sie sich die heute 29-Jährige anvertraute. Es ist die Geschichte eines Skandals einer scheinbar unfähigen Justiz in Verbindung mit Zuständen in einem Kinderdorf, in dem über Jahre Furchtbares passierte.
Auch Celine F. war betroffen, Rudolf F. ihr Peiniger. Ihre Geschichte zusammengefasst: Mit 11 Jahren holte sie das Jugendamt von der Schule ab und brachte sie gegen ihren Willen nicht mehr zu ihrer Mutter, bei der sie in Hessen lebte, sondern zunächst in den Landkreis Kitzingen in eines der Kinderdorf-Familienhäuser. Einige Jahre lebte sie dort mit Pflegemama und zwei Pflegegeschwistern. Doch alles änderte sich, als die Pflegemutter aufhörte und die Mädchen aufgeteilt wurden. Celine F. kam ins kleine Dorf Düttingsfeld nahe Oberschwarzach ins Julius Itzel-Haus. „Dort angekommen war nix mehr wie vorher, es wirkte alles sehr kühl, leer, verlassen, ohne jegliche Liebe“, erinnert sie sich. Die neue Pflegemutter war die Tochter der damaligen Heimleiterin der Erich Kästner Kinderdorfes.
In einer Urlaubszeit im Winter in Österreich auf einer Alm „ging der Albtraum los“, berichtet sie heute. „Wir mussten uns in Eimern und mit Brunnenwasser waschen, auf Plumpsklos gehen, den ganzen Tag in der eisigen Kälte draußen sein. Man durfte nur zum Essen und Schlafen nach drinnen. Außer die leiblichen Kinder, für die zählten diese Regeln nicht.“ Celine F. berichtet von Strafschlägen, Holzhacken als Buße oder davon, Erbrochenes essen zu müssen.
Bernd R. war damals als Mitarbeiter dabei. Er soll geäußert haben, dass er keine Kinder mag. Und sich nmöglich verhalten haben. Celine F. spricht davon, er habe mal Feuerwerkskörper in einen Holzofen geworfen. Beschwerden darüber nahm niemand ernst. Auch zurück in Unterfranken soll niemand auf die Kinder gehört haben, wenn die um Hilfe baten.
2011 in einem Urlaub in Kroatien sollen die kleinen Kinder schikaniert worden sein mit längeren Wegen zur Toilette oder Wäschewaschen per Hand in der prallen Sonne. Man vertraute sich Einheimischen an, wieder passierte allerdings nichts.
Dann soll Rudolf F., damals schon erwachsen, immer wieder Nacktbilder von sich an Celine F. gesendet haben. Sie vertraute sich der Pflegemutter an, doch die war ja dessen Schwester… „und der Spuk ging nach hinten los. Ich bekam den Ärger, nicht er. Ich musste sogar draußen schlafen als Strafe… Somit schwieg ich. Mir glaubte ja sowieso niemand.“
Als sich Rudolf F. angeblich entschuldigen wollte und zu einem Treffpunkt beorderte, soll er sie, die erst 15 Jahre alt war, vergewaltigt haben. Als sie weinend davon erzählte, glaubte ihr wieder niemand. Außer zwei Freundinnen, die aber wussten, „dass es ganz normal ist. Sowas machen er und Bernd ständig mit den Mädchen und Jungen…“
Zuhause in Deutschland war Celine F. verändert. „Nicht mehr die laute, aufgeweckte, lebensfrohe Celine, nein die ängstliche, verstörte, ruhige, zurückhaltende Celine. Mir war ab da klar, ich muss hier raus, nur wie. Es war ja keiner da, der einem glaubt und der einem hilft“, weiß sie heute, rund 15 Jahre später.
2013 kurz vor den Herbstferien sagte sie zu einer neuen Mitarbeiterin: „Ich möchte dort nicht wieder mit, da werden uns schlimme Sachen angetan, und das möchte ich nie wieder.“ Und plötzlich hörte ihr und anderen Kindern mal jemand zu. Celine F. durfte sogar ausziehen, in eine andere Einrichtung. An ihrem Ausbildungsplatz in einer Gärtnerei kam die Polizei und verhörte sie. Ihre beste Freundin hatte Rudolf F. angezeigt wegen sexuellen Missbrauchs gegenüber Schutzbefohlenen. So kam alles in Gang. Aber die Strafe fiel mild aus. Die Vergewaltigung spielte juristisch keine große Rolle.
„Völlig ungerechtfertig. Meine Seele ist seitdem kaputt, ich bin körperlich und psychisch seitdem fertig“, sagt Celine F. Mittlerweile – langer Zeitsprung – ist sie Mutter von drei eigenen Kindern. „Aber keines davon kann und wird jemals bei mir leben!“ Seit 2013 ist sie arbeitsunfähig. „Menschenmengen überforderten mich, laute Männerstimmen machen mir nach wie vor Angst. Ich leide unter etlichen Krankheiten seit dieser Zeit.“
Und dann sagt sie etwas, das nachdenklich macht, was aus ihrer Sicht aber verständlich sein dürfte. „Ich werde nicht aufgeben, bis dieses Erich Kästner Kinderdorf endlich geschlossen wird für immer, damit keine Kinderseele mehr so etwas erleben muss. Das Jugendamt muss aufwachen und hinschauen und nicht wegsehen.“ Ihr Vorwurf: Es könnte dort noch immer zu Taten kommen und intern würden diese weiter gedeckt werden. Verständlich, dass jemand, der das als Opfer erlebte, vielleicht so denkt. Auch wenn es natürlich keine neuen Vorwürfe mehr gibt.
Celine F. kämpfte sich aus der Zeit zurück und glaubt nun, dauerhaft Fuß fassen zu können. Inzwischen hat sie einen wichtigen Menschen als neue Stütze in ihrem Leben und versucht im Landkreis Schweinfurt glücklich zu werden.

