Ein Tag im Job der anderen: Arbeitsplatztausch in Sennfelder Lebenshilfe-Werkstatt stärkt Teamgeist und Blick fürs Ganze

Ein Tag im Job der anderen: Arbeitsplatztausch in Sennfelder Lebenshilfe-Werkstatt stärkt Teamgeist und Blick fürs Ganze

SENNFELD – In der Halle bei Kühne in Gochsheim herrscht emsiges Treiben. Auf einem Rollenband wird Karton für Karton befüllt, Saucen-Flasche für Saucen-Flasche in Reih und Glied gesetzt. Mittendrin: Günter Scheuring, Leiter der Werkstatt für behinderte Menschen Sennfeld.

Acht Stunden lang arbeitet er an diesem Donnerstag (26.03.2026) als Gruppenleiter in der Außengruppe bei Kühne, eine Tätigkeit, die er sonst organisiert, aber nicht selbst ausführt.

Es ist kein gewöhnlicher Tag in der Werkstatt Sennfeld der Lebenshilfe Schweinfurt. Unter dem Titel „Bereit für Neues – Arbeitswechsel“ haben alle Mitarbeitenden ohne Behinderung ihre Arbeitsplätze getauscht. Der Betrieb läuft weiter wie gewohnt, Aufträge werden abgearbeitet, Fristen eingehalten. Und doch ist alles anders.

Die Idee der Werkstattleitung und der Mitarbeitervertretung für diesen Tag entstand bereits 2024. Nach einem freiwilligen Probelauf 2025 wurde der Wechsel für einen Tag nun verpflichtend. Per Los wurde entschieden, wer wo arbeitet. Nur zentrale Schnittstellen waren ausgenommen. Doch selbst die Werkstattleitung tauschte den Schreibtisch gegen die Praxis.

Rund 530 Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten in der Werkstatt Sennfeld. Die Aufgaben reichen von Montage- und Verpackungsarbeiten bis hin zu handwerklicher Fertigung in Schreinerei und Schlosserei. Gerade bei Personalengpässen müssen Mitarbeitende flexibel einspringen. Der Schulungstag macht diese Realität erlebbar und eröffnet neue Perspektiven. „Es ist wichtig, die Arbeit selbst auszuprobieren, um ein Verständnis füreinander zu entwickeln“, erläutert Scheuring.

In der Schlosserei steht an diesem Tag Jessica Dülk, die sonst in der Förderstätte der Werkstatt Sennfeld tätig ist. Anstatt schwer mehrfachbehinderte Menschen pädagogisch und pflegerisch zu begleiten, montiert sie heute Stoßdämpfer. Der Arbeitsablauf ist schnell und präzise. „Hier sieht man, wie viel Menschen mit Behinderung leisten“, sagt Dülk beeindruckt.

In der Förderstätte kocht Werner Bötsch derweil Eier. Später sollen sie gemeinsam mit den Förderstättenbesuchern bemalt werden. Ostern steht vor der Tür. Für den erfahrenen Gruppenhelfer aus der Schreinerei ist der Einsatz in anderen Arbeitsgruppen nichts Neues. Doch der Perspektivwechsel bleibt dennoch wertvoll. „Der Schulungstag hilft, sich in die Lage der Kollegen hineinzuversetzen und zu sehen, wie sich jeder in das große Ganze einbringt.“

Auch für Andreas Roth, den stellvertretenden Werkstattleiter, führt der Tag in ungewohnte Gefilde. Im Pflegebereich unterstützt er unter anderem bei Toilettengängen und der Essensgabe. „Der Schulungstag ermöglicht einen Perspektivwechsel, der auch für die eigene Arbeit hilfreich ist. Wir sind alle für unsere Mitarbeiter mit Behinderung da, egal in welcher Funktion“, erklärt Roth.

Simon Ebert, Fachkraft für Lagerlogistik, sammelt in der Förderstätte neue Erfahrungen. Ihn beeindruckt hier der vertraute Umgang miteinander und die Möglichkeit, mit Menschen, die nicht sprechen, in Kontakt zu treten. „Man bekommt einen Einblick in den Alltag der anderen“, sagt er.

Am Ende des Arbeitstags bleibt für viele mehr als nur ein Rollenwechsel. „Der Schulungstag bietet uns die Möglichkeit, uns und die Werkstatt Sennfeld besser kennenzulernen, mit unseren Betreuten ins Gespräch zu kommen und Verständnis füreinander zu entwickeln“, fasst es Werkstattleiter Scheuring zusammen.

Auf den Fotos:

Hat beim Arbeitsplatztausch von seinem Büro an eine Verpackungslinie in einer Außengruppe gewechselt: Günter Scheuring (Mitte), Leiter der zur Lebenshilfe Schweinfurt gehörenden Werkstatt für behinderte Menschen Sennfeld, befüllt zusammen mit Marcel Krzosha (links) und Luca Hein Kartons mit Saucen-Flaschen.

Aus der Förderstätte in die Schlosserei: Normalerweise begleitet Jessica Dülk schwer mehrfachbehinderte Menschen pädagogisch und pflegerisch. Beim Arbeitsplatztausch in der Sennfelder Lebenshilfe-Werkstatt montiert und verpackt sie zusammen mit Thorsten Kraus (links) und Brandon Schommer Stoßdämpfer.

Findet den Perspektivwechsel wertvoll: Der Arbeitsplatztausch hat Werner Bötsch (links) von der Schreinerei in die Förderstätte der Werkstatt Sennfeld geführt. Ostern steht vor der Tür. zusammen mit Sinan Aydogan schreckt er gekochte Eier ab, um sie später mit den Förderstättenbeuschern zu bemalen.

Fotos: Reto Glemser

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