GELSENKIRCHEN / SCHWEINFURT – Es war der 16. März 1991, also ziemlich genau vor 35 Jahren, als der FC Schweinfurt 05 eine seiner vielleicht größten Fußball-Partien der älteren Neuzeit bestritt.
Autor Michael Horling war damals als Journalist dabei, als die Schnüdel in Gelsenkirchen ran mussten. Im alten, längst abgerissenen Parkstadion. Der damals 22-Jährige war ein Teil des Teams, das beim FC 05 für die Stadionzeitung verantwortlich war.
Er erinnert sich exklusiv für www.mainfranken.news an diese Auswärtspartie und generell das Gefühl damals. Auch einer der Mitfahrer aus dem Pkw kommt zu Wort.
„Es war eine an sich schreckliche Zeit rund um die Grün-Weißen. Noch nicht mal ein Jahr zuvor fuhren wir zum Finale der Bayernliga beim TSV 1860 München, als vor über 30.000 Fans das dramatische 3:3, das wohl aufregendste Fußballspiel aller Zeiten, die Meisterschaft bedeutete. Es folgte die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga, natürlich waren wir auch in Mainz, Reutlingen und zum Schluss in Frankfurt dabei, als der Sieg bei Rot-Weiß um Verteidiger Jürgen Klopp und Trainer Dragoslav Stepanovic den Aufstieg bedeutete.
Ein Dreivierteljahr später hatte die Ernüchterung längst die Euphorie verdrängt. Der FC 05 startete mit zehn Niederlagen in die Saison, war eigentlich fast schon abgestiegen, als im September in Hannover mit einem 1:1 der erste Punkt gelang. Vorher wurden die Schnüdel, die überwiegend auf die Aufstiegsmannschaft setzten, was eigentlich ja auch löblich war, teils böse verprügelt. Zuhause mit 0:6 gegen den MSV Duisburg um Spieler Ewald Lienen, auswärts mit 0:5 in Münster, als ich das dritte und vorerst letzte Mal mitfuhr. Auch in Mannheim und bei den Stuttgarter Kickers hatte sich die Reise nicht sonderlich gelohnt. Außer mal dabei gewesen zu sein im alten Waldhof, als Dieter Hecking noch spielte und der Stern von Christian Wörns aufging. Wenigstens gelang viel später gegen Mannheim noch einer von gerade mal zwei Saisonsiegen, der zweite ganz am Ende gegen Saarbrücken.
Auf das 1:1 in Hannover folgte ein 2:2 gegen den SC Freiburg, damals noch eine graue Maus, dennoch Tabellenführer. Bernd Häcker und Matthias Baranowski trafen vor 5000 Fans. Endlich mal ein bisschen Jubel im Willy-Sachs-Stadion. Dann aber eine Niederlage in Main, ein 0:4 in Essen, ein 0:5 daheim gegen Darmstadt. Ein 2:5 in Saarbrücken, ein 0:3 in Braunschweig. Zur Winterpause war das Ding eigentlich durch. Nach der Niederlage zum Re-Start in Duisburg machte das anschließende 3:1 gegen Mannheim dann aber doch noch irgendwie Mut. Mit Carsten Weiß, Oliver Wölfling und Rudolf Gürtler trafen drei der acht eingesetzten Franken.
Also beschlossen wir, eine Woche später nach Gelsenkirchen zu fahren. Gegen Schalke um Nachwuchs-Torwart Jens Lehmann setzte es Ende August 1990 im mit 12.000 Zuschauern gut vollen Stadion ein unglückliches 0:1. Die Revanche vor 30.300 Fans im trotzdem nicht mal halbvollen Parkstadion gelang natürlich nicht. Alexander Borodjuk und Thomas Zechel trafen zum 2:0, Rudi Gürtler sah Rot, acht waschechte Franken standen in der Startformation. Aleksandar Ristić statt im Hinspiel Peter Neururer coachte S04. Unglaublich eigentlich, dass gerade mal sechs Jahre später der Pott bebte und Schalke den UEFA-Cup gewann.
Ich weiß eigentlich nur noch, dass wir im März 1991 ein Auto voll hatten, erstmals überhaupt den Trompeter und das anschließende, beeindruckende ´Attacke´ hörten und ich ein Foto machte für die Tageszeitung auf der Torschütze Borodjuk mit den Schweinfurtern Werner Köhler und Oliver Wölfling zu sehen war. Letzterer, längst verstorben, kam zwei, drei Jahre zuvor noch mit seinem Mofa von Niederwerrn nach Dittelbrunn gefahren, um stundenlang mit irgendwelchen Videospielen, damals brandheiß und neu, vor dem Bildschirm zu sitzen. Und ich weiß, dass wir auf dem Weg den nach wenigen Spielen entlassenen Ex-Trainer besuchten.“
1:4 gegen die Stuttgarter Kickers, 1:6 in Homburg – nach den beiden folgenden Partien war klar, dass die Schnüdel in der 2. Bundesliga einfach nichts zu suchen hatten. Oldenburg, Freiburg, Darmstadt, Berlin – einige der sicherlich reizvollen Auswärtsfahrten schenkten wir uns danach. Gelsenkirchen war damals dennoch irgendwie ein Erlebnis, auch wenn fast alles verblasst ist. Auch den Mitfahrern geht es so. Es folgen nun ihre Erinnerungen.
„An diesen Ausflug habe ich fast keine Erinnerung, außer den Besuch bei Elmar Wienecke in seinem Elternhaus (oder?) und dass Volker Hensel mit dabei gewesen sein müsste. Denn damals war die REM-Scheibe „Out of Time“ frisch herausgekommen und er hat „Losing my religion“ gespielt. An das Stadion habe ich kaum Erinnerungen. Wir haben 0:2 verloren, oder? Irgendwie denke ich da an den Vorboten der Geisterspiele, es war nicht wirklich was los. Aber vielleicht täusche ich mich auch. Lustig ist, dass ich da schon einige Male dran gedacht habe, aber in der Richtung, ob ich da tatsächlich dabei war oder es mir nur eingebildet habe. Eben weil nur so Fragmente da sind“, erinnert sich Ralf Hofmann, damals im erweiterten Vorstandteam der Schnüdel und in der Tat seit wenigen Tagen Oberbürgermeister Schweinfurts. Wer hätte das damals gedacht…?
Und ja, besagter Volker Hensel war auch mit an Bord. 2022 verstarb er viel zu früh mit nur 53 Jahren. Damals. als dieser Beitrag 2021 erstmals erschien, erinnerte er sich: „Ja, ich war damals im alten Parkstadion dabei, weiß aber nicht mehr, wer gefahren ist. Es müssen ´Edelfans´ gewesen sein, denn wir haben auf der Hinfahrt Stopp bei Elmar Wienecke in Anröchte gemacht und ihn besucht. Ich habe aber keine Ahnung mehr wer ,da alles dabei war“, hatte auch der spätere Fernsehjournalist des Bayerischen Rundfunks kaum noch Erinnerungen 30 Jahre nach der damals für alle Beteiligten sehr aufregenden Fahrt. Hensel und Michael Horling verantworteten damals bei den „Schnüdeln“, das Stadionmagazin des FC 05.
Kurios, dass die Schweinfurter 2018 und 2020 in der ersten Runde des DFB-Pokals jeweils wieder auf Schalke 04 trafen und letztes Jahr die Partie wegen Corona in der neuen Arena ausgetragen wurde. Somit haben die Schweinfurter alle drei Stadien in Gelsenkirchen bespielt, nachdem sie 1936 im Halbfinale des Tschammerpokals, dem Vorgänger des DFB-Pokals, mit 2:3 gegen unter anderem Ernst Kuzorra und Fritz Szepan verloren. Vor 7000 Zuschauern in der Glückauf-Kampfbahn und mit Albin Kitzinger und Andreas Kupfer, beide je 44-fache (!) Nationalspieler… Beide auf Seiten der Schweinfurter…
Und hier noch ein Text mit Erinnerungen… an das Jahr 2018:
Schweinfurt empfängt Schalke 04: Da ist nicht nur von 1936 noch eine Rechnung offen…
SCHWEINFURT / GELSENKIRCHEN – Am Samstag, den 25. August 1990, war es, als Schiedsrichter Hans-Peter Dellwing um 15 Uhr im Willy-Sachs-Stadion anpfiff. 12.000 Zuschauer sahen damals die Schnüdel in einer Partie der 2. Bundesliga gegen Schalke 04 kicken. Ziemlich genau 28 Jahre werden die Gelsenkirchener nur wieder zu einem Pflichtspiel kommen.
Ein viel attraktiveres Los hätten die Schweinfurter kaum bekommen können durch Losfee Palina Rojinski. Als DFB-Präsident Reinhard Grindel als Ziehungsleiter den Bayernsieger als genau 17. von 32 unterklassigen Teams mit Heimrecht nannte, da waren noch immer viele heiße Vereine als Gegner im anderen Topf.
Allerdings: Ziemlich früh zog der 1. FC Nürnberg nach Linx, Darmstadt nach Magdeburg, St. Pauli Hamburg nach Wehen-Wiesbaden, der HSV nach Erndtebrück und Dynamo Dresden nach Rödinghausen. Gleich bei vielen der ersten Partien gingen ein paar Wunschgegner weg. Doch dann kam Schweinfurt – und Schalke 04 als Gegner. Der amtierende Vize-Meister also, ein Teilnehmer der Champions League. Mit das Größte, was machbar war. Mal abgesehen davon dass sich der SV Drochtersen/Assel auf Bayern München freuen kann und Greuther Fürth auf Borussia Dortmund.
1990, genau: Ein damals ziemlich unbekannter Jens Lehrmann hütete das Schalker Tor. Der eingewechselte Vladimir Liutyi traf relativ spät für nicht wesentlich bessere Gäste, damals trainiert von Peter Neururer (der elf Jahre später mit LR Ahlen sein Ermin Melunovic-Debakel im Willy-Sachs-Stadion erlebte). Ingo Anderbrügge, Günter Güttler oder Alexander Borodjuk waren damals die bekanntesten Schalker.
Beim FC 05 kickten Größen wie Charly Müller im Tor, der unvergessene Oliver Wölfling, Bernd Häcker, Werner Köhler, Carsten Weiß, Elmar Drenkard, Mambo Mauder, Jens Schürer oder Rudi Gürtler. Borodjuk und Thomas Zechel trafen im März 1991 im Rückspiel vor noch weitaus mehr Zuschauern, als bereits Aleksandar Ristic als Schalke-Trainer Bonbons an den Linienrichter verteilte. Auch hier verkauften sich die Schnüdel gut. Niko Semlitsch bog als Coach in seine letzten Wochen ein. Danach löste ihn Schorsch Baier ab. Mit Prof. Dr. Elmar Wienecke ging der FC 05 in die Saison, die mit dem sofortigen Wiederabstieg endete…
Die Reaktionen im Netz: „Schlacke 05 ist schlagbar, die schießen doch höchstens ein Tor pro Spiel“, schreibt user „sepp“ im Forum der Schnüdel. „Mega Los und wieder volle Hütte“, sagt „reggaeboy“. „Perfekte Werbung für unseren Verein!“, strahlt „schnüdel1905“. „Schnell noch Stadion ausbauen – das wird einen Run auf die Karten geben“, glaubt „mafiosi“. „der geruch von 1936 im Willy-Sachs-Stadion. zwei malocherstädte; mehr tradition geht nicht. ausm tiefen westen. fussball pur“, schwärmt „05.05.1905“.
„Da ist noch eine Rechnung offen: 08.11.1936, FC Schalke 04 – FC Schweinfurt 05 3:2 (Tschammerpokal)“, erinnert „kaot50“. In der Tat: Vor über 80 Jahren standen sich beide Vereine schon mal im Pokal gegenüber, im Vorgänger-Wettbewerb des heutigen. Damals sogar im Halbfinale. Vor 7000 Zuschauern in der Glückauf-Kampfbahn trafen für den FC 05 Karl Spitzenpfeil und Hans Rosenbauer. Albin Kitzinger und Andreas Kupfer, beide je 44-fache (!) Nationalspieler (!!), waren die großen Stars der Unterfranken. Bei den Gelsenkirchnern kickten damals die Herren Ernst Kuzorra und Fritz Szepan mit…
Schalke verlor dann das Finale gegen den VfB Leipzig, damals schon ausgetragen im Berliner Olympiastadion. Die Schnüdel siegten damals im Viertelfinale bei Waldhof Mannheim, im Achtelfinale beim SSV Ulm, in der 2. Runde zuvor gegen die Sportvg Feuerbach und anfangs gegen Hanau 93. Damals unter anderem noch dabei: Wacker Marktredwitz, Westmark 05 Trier, Polizei Chemnitz, MSV von der Goltz Tilsit oder Vorwärts-Rasensport Gleiwitz. Übrigens: Der FC Bayern München verlor in Runde eins zuhause gegen Ulm…
Zurück zur aktuellen Auslosung: Schweinfurts Sportreferent Jürgen Montag kann seinen Heimatverein 1. FC Heidenheim zum SSV Jeddeloh II begleiten, sofern er denn weiß, wohin er reisen muss. Sein Wunsch wurde wieder nicht erfüllt. Mit Vorjahres-Erstrundengegner SV Sandhausen muss sich Rot-Weiß Oberhausen auseinandersetzen. Als letzte gezogene Partie ergab sich SSV Ulm – Eintracht Frankfurt. Der amtierende Pokalsieger startet also an der Donau seine Mission Titelverteidigung. Letzte Saison machten die Hessen auf dem Weg nach Berlin in Schweinfurt Station. Beim 0:4 vor 16.000 Zuschauern hielten die Schnüdel das Match eine Stunde lang offen. Im Halbfinale siegte Frankfurt auf Schalke…
fussballdaten.de führt insgesamt fünf Partien zwischen Schweinfurt 05 und Schalke 04 auf. Außen den genannten gab es 1954 im DFB-Pokal-Achtelfinale noch zwei Vergleiche. Nach dem 1:1 im Hinspiel nach Verlängerung auf Schalke hieß es drei Wochen später im Wiederholungsspiel im Willy-Sachs-Stadion wieder 1:0 für die Gelsenkirchner. Es wird also höchte Zeit, dass dem FC 05 auch zuhause zumindest mal ein Treffer gelingt. Vielleicht Mitte August diesen Jahres gegen einen gewissen Naldo? Und vor sicherlich wieder 16.000 Zuschauern in einer definitiv ausverkauften Arena…
„Genial. Ich freue mich auf ein volles Willy-Sachs-Stadion“, strahlte mit Kevin Fery einer der Spieler, die Mitte August gegen die Stars auf dem Rasen stehen werden. Vorfreude herrscht auch bei Torjäger Adam Jabiri, der 2011 mit Hoffenheim auf Schalke zu seinem einzigen Einsatz in der 1. Bundesliga kam. „Das ist ein Toplos für uns, zumal wir mehrfach versucht haben, Schalke als Testspielgegner zu bekommen. Und die haben das erste Spiel im Stadion gemacht bei der Eröffnung“, sagt FC 05-Fußballboss und Hauptsponsor Markus Wolf. Am 26. Juli 1936 war das. 2:2 endete die Partie gegen den Deutschen Meister von 1935. Drei beziehungsweise vier Tage zuvor kamen zur Einweihung des Willy-Sachs-Stadions unter anderem Hermann Göring und Heinrich Himmler zu Besuch…
Die LVM-Versicherung präsentiert die gesamte Saison die Berichterstattung der Schnüdel aus der 3. Liga und drückt dem FC 05 stets die Daumen:


