Vergessenes Kapitel der Schweinfurter Geschichte: Stadtarchiv zeigt Ausstellung zu jüdischen Wein- und Spirituosenhändlern

Vergessenes Kapitel der Schweinfurter Geschichte: Stadtarchiv zeigt Ausstellung zu jüdischen Wein- und Spirituosenhändlern

SCHWEINFURT – Ihre Schicksale sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei waren insbesondere die jüdischen Wein- und Spirituosenhändler in Schweinfurt gegen Ende des 19. Jahrhunderts äußerst erfolgreich und gut vernetzt.

Ursprünglich entstammten sie dem oftmals verarmten fränkischen Landjudentum. In der boomenden Industriestadt am Main gelang ihnen ein fulminanter Aufstieg. Seit Mitte der 1860er Jahren waren über 60 % der Schweinfurter Weinhändler jüdischen Glaubens. Das Stadtarchiv widmet ihnen nun eine eigene Ausstellung im Friedrich-Rückert-Bau.

Die Familien Mohrenwitz und Marx ernannte der bayerische Monarch zu königlich bayerischen Hoflieferanten. Als Ausdruck eines starken Markenbewusstseins prangte das königliche Wappen fortan auf ihren Produkten. Die Weingroßhandlung Marcus Marx (1841-1915) in der Rückertstraße fungierte zudem als Hoflieferant des schwedischen Kronprinzen. Sie verfügte über Weingüter in Spitzenlagen wie Trittenheim an der Mosel, Rüdesheim am Rhein und nicht zuletzt am Würzburger Stein. Erst vor kurzem tauchten im gut sortierten Weinkeller einer ehemaligen Flensburger Reedereifamilie sechs historische Marx-Flaschen auf. Sie bilden nun dank einer großzügigen Schenkung die Highlights der Schweinfurter Ausstellung. Darunter befindet sich etwa der seltene Jahrgang 1915, der sogenannte Frauenwein. Da die Männer im 1. Weltkrieg an der Front dienten, wurde er vorwiegend von Frauen eingeholt.

Bereits die ersten Juden, die sich nach Jahrhunderten 1817 erstmals wieder dauerhaft in Schweinfurt ansiedeln durften, waren Weinhändler: Michael und sein Sohn Kusel Kleemann verfügten über Weinberge auf der Mainleite. Trotz anfänglich antijüdischer Anfeindungen aus der Bürgerschaft betrieben sie bald schon einen florierenden Weinhandel von Spanien bis nach Russland. Auf der Pariser Weltausstellung 1855 errangen ihre Spitzenweine eine Bronze-Medaille. Gleichermaßen bekannt wie überregional geschätzt waren die feinen Tafelliköre sowie der Weinessig der Firma L. Hirsch. Der zum Kommerzienrat ernannte Ignaz Hirsch (1871-1942) errichtete zwei eindrucksvolle Betriebsgebäude in Schweinfurt und weitere Werke in Düsseldorf und Leipzig.

Auf den beruflichen Erfolg folgte gesellschaftliche Anerkennung. Marcus Marx war zeitweise der größte Steuerzahler innerhalb der jüdischen Gemeinde. Die erfolgreichen Unternehmer prägten das gesellschaftliche Leben Schweinfurts mit. Viele von ihnen traten den der Toleranz und Humanität verpflichteten Freimauerlogen bei. Ein seltenes Zeugnis auch für private Kontakte zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schweinfurtern zeigt eine bürgerliche Faschingsrunde um 1930. Als fünften von links erkennt man den wohlhabenden Weingroßhändler Ludwig Mohrenwitz. Er spielte damals eine wichtige Rolle im städtischen Leben. 1928/29 wurde er Schützenkönig der „Bürgerlichen Schützengesellschaft Schweinfurt“. Zugleich war Mohrenwitz einer der maßgeblichen Finanziers beim Bau des städtischen Krankenhauses und trat obendrein noch als passionierter Hobby-Komponist in Erscheinung. Zwei seiner Kompositionen bringt nun das „Mainklang-Ensemble“ vom Schweinfurter Kammerorchester am 21. Juni 2026 im Leopoldina-Saal des Stadtarchivs erstmals wieder zum Erklingen.

Nach der NS-Machtübernahme 1933 begann die systematische Ausgrenzung, Verfolgung und Entrechtung von Juden. Damals wurde noch über 60 % des deutschen Weinhandels von jüdischen Großhandlungen abgewickelt. Selbst die Nationalsozialisten konnten diese daher nur schrittweise aus dem Markt drängen. So vervierfachte etwa die Firma S. Mohrenwitz Söhne trotz Repressalien zunächst noch ihren Umsatz in den 1930er Jahren, bevor man sie im Juni 1938 endgültig „arisierte“. Im Zuge der Pogrome am 9./10. November 1938 verwüstete ein aufgehetzter Mob jüdische Geschäfte und Wohnungen. Die Mehrzahl der Firmen war allerdings schon zuvor auf Druck der NS-Behörden weit unter Wert veräußert worden.

Insbesondere der jüngeren Generation gelang häufig noch die Flucht ins Ausland, vor allem in die USA, nach Großbritannien und Palästina. Für die in Schweinfurt verbliebenen Juden und Jüdinnen richtete die Gestapo in den Häusern der Weinhändler Marx in der Rückertstraße 17-19 eine Sammelunterkunft ein. Von dort aus erfolgte schließlich ihre Deportation in das von Deutschen besetzte Polen. Dem ehemaligen Weinhändler Alfred Weil (1881-1942) kam dabei die tragische Aufgabe zu, beim Transport am 25. April 1942 Ordnerdienste zu verrichten. Aus den Vernichtungslagern im Osten kehrte keiner von ihnen zurück. 2025 überließ Alfreds in Israel lebende Enkelin dem Stadtarchiv Schweinfurt vierzig Familienbriefe. Sie erlauben einzigartige Einblicke in die Fluchtumstände und den schwierigen Neuanfang im Exil. Kaum einer der ehemaligen Schweinfurter Wein- und Spirituosenhändler vermochte im Ausland wieder in der angestammten Branche Fuß zu fassen.

Sommerkonzert:

  1. Juni 2026, 18:15 Uhr
    „Salonklänge und edle Tropfen” —
    Kompositionen des Schweinfurter Weinhändlers Ludwig Mohrenwitz & Zeitgenossen
    Leopoldina-Saal, Friedrich-Rückert-Bau
    -Eintritt kostenfrei – Anmeldung erforderlich unter:

Stadtarchiv Schweinfurt
Friedrich-Rückert-Bau
Martin-Luther-Platz 20, 97421 Schweinfurt
www.stadtarchiv-schweinfurt.de
stadtarchiv@schweinfurt.de
Öffnungszeiten der Ausstellung:
Mo-Fr. 08:00 – 18:00 Uhr
bis Dezember 2026

Abbildungen:

1) Briefkopf mit Fabrikanlage der Firma L. Hirsch in der Neutorstraße, 1919

2) Faschingsgruppe jüdischer und nichtjüdischer Schweinfurter, um 1930

3) Der Vogelschützenkönig Ludwig Mohrenwitz (1872-1938), 1928/29

Foto: Stadtarchiv Schweinfurt

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