WÜRZBURG / ERLANGEN / BAD KISSINGEN – „Bereite dich zu leben!“ – So lautet der Appell am Ende von Gustav Mahlers Auferstehungssinfonie, einem Werk, das nicht nur musikalisch, sondern auch emotional eine Reise durch die tiefsten Fragen des Lebens darstellt: Was bedeutet es, zu leben – und was bleibt über den Tod hinaus?
Diese Fragen gingen durch den Raum, als das Nordbayerische Jugendblasorchester und das Orchester WiBraPhon in einer speziell für Blasorchester arrangierten Fassung von Mahlers monumentalem Werk begeisterten. Ergänzt wurden die beiden Orchester durch den Chor der Augustinerkirche Würzburg, den Würzburger Madrigalchor sowie den Großen Chor der Berufsfachschule für Musik Bad Königshofen und durch die Solistinnen Isabell Czarnecki (Alt) und Yoonsoo Shin (Sopran). Die Leitung der 250 Mitwirkenden lag bei Prof. Johann Mösenbichler, Chefdirigent des Polizeiorchesters Bayern und international gefragter Gastdirigent.
Die Konzerte am 14. März in der Heinrich-Lades-Halle Erlangen, am 15. März im Regentenbau in Bad Kissingen sowie die öffentliche Generalprobe am 13. März in der Würzburger Augustinerkirche boten dem Publikum nicht nur ein musikalisches Meisterwerk, sondern ein zutiefst berührendes Erlebnis – und eine Einladung, sich mit den existenziellen Fragen nach Leben, Tod und Auferstehung auseinanderzusetzen.
Eröffnung mit festlichen Klängen
Den Auftakt des Abends bildeten zwei festliche Werke, die das Publikum auf Mahlers Klangsprache vorbereiteten. Zu Beginn erklang die „Liberty Fanfare“ von John Williams. Die Fanfare, die ursprünglich zur Restaurierung der Freiheitsstatue in New York komponiert wurde, brachte die große Energie und den feierlichen Charakter des Abends in die Konzerthäuser. Ein besonderes Highlight: Die Trompeterinnen und Trompeter platzierten sich links und rechts des Orchesters. So erklang die Fanfare in „Dolby Surround“ – aber natürlich ganz ohne technische Hilfsmittel.
Im Anschluss folgte ein weiteres beeindruckendes Stück: „Elsa’s Prozession in die Kathedrale“ aus Richard Wagners Oper „Lohengrin“. In dieser Transkription von Lucien Cailliet für Blasorchester entfaltete sich Wagners festliche Musik in voller Schönheit. Die Musiker des Orchesters spielten mit Hingabe und Klarheit, um die feierliche Atmosphäre der Prozession eindrucksvoll widerzuspiegeln. Besonders bemerkenswert war die präzise Umsetzung von Wagners komplexer Harmonik und der majestätischen Stimmung des Werkes. Schon nach den ersten beiden Werken wurde deutlich: Die beiden Blasorchester verschmolzen zu einem ausgewogenen Klangkörper. Dirigent Johann Mösenbichler verstand es eindrucksvoll, aus den ambitionierten Musikerinnen und Musikern das Beste herauszukitzeln. Die Vorfreude auf das ersehnte Hauptwerk des Abends war deutlich spürbar.
Mahlers Auferstehungssinfonie: Ein episches Meisterwerk
Daraufhin folgte der Höhepunkt des Abends: die Aufführung von Mahlers Auferstehungssinfonie – auch bekannt als Sinfonie Nr. 2 in c-Moll. Diese Sinfonie, die zu den größten und bewegendsten Werken der spätromantischen Sinfonik zählt, stellt Tod, Auferstehung und Erlösung in den Mittelpunkt. In der Fassung für Blasorchester, arrangiert von Florian Möseneder, eröffnete sich eine klangliche Dimension, die Transparenz und monumentale Wirkung eindrucksvoll verband.
Der dramatische und klanglich gewaltige erste Satz warf schon zu Beginn die tiefgründigen Fragen nach dem Sinn des Lebens auf. Die tiefen Bläser des Orchesters erzeugten eine spannungsgeladene Atmosphäre, die in den stürmischen Passagen eine nahezu greifbare Intensität erreichte. Während das musikalische Thema um die Frage nach dem Leben und dem Tod kreiste, stiegen zarte Melodien auf, die ein Gefühl der Hoffnung vermittelten – nur um von der düsteren Grundstimmung wieder verdrängt zu werden. Der zweite Satz, ein langsamer, lyrischer Ländler, präsentierte eine ganz andere Seite Mahlers. Hier, in einer ruhigeren und besinnlicheren Melodieführung, tauchten die Zuhörer in eine beinahe traumhafte Idylle ein, die jedoch durch unruhige Triolenbewegungen und Mollharmonien immer wieder in Frage gestellt wurde.
Der dritte Satz, eine groteske Darstellung des Lebens, das Mahler mit der Melodie seines Wunderhorn-Liedes „Die Fischpredigt des Hl. Antonius“ verknüpfte, zeichnete das Bild eines chaotischen, unschönen Lebens. Der Satz steigerte sich zu einem dramatischen Höhepunkt und spiegelte Mahlers innere Auseinandersetzung mit den dunklen Aspekten des Lebens wider. Der vierte Satz, das Urlicht, mit der Alt-Solistin Isabell Czarnecki, war ein Moment der Besinnung. Die Schlichtheit und Ehrlichkeit der Musik, kombiniert mit der sanften, aber tief emotionalen Stimme der Solistin, vermittelte eine beruhigende Stimmung und leitete das Werk auf den letzten Satz hin.
Das großartige Finale zeigte dann die ganze Klanggewalt, die die 250 Mitwirkenden auf die Bühne brachten. Einige Orchestermitglieder hatten in diesem Satz eine besondere Aufgabe: Sie verließen in Windeseile die Bühne, um im Fernorchester in einem Nebenraum unter der Leitung der Dirigentin Tanja Berthold zu musizieren. Berthold hielt Sichtkontakt zu Mösenbichler und sorgte so dafür, dass beide Orchester trotz räumlicher Trennung miteinander erklangen. Der fünfte Satz, der in der Frage nach Erlösung und Auferstehung gipfelt, bot schließlich eine überwältigende musikalische Darstellung des Triumphs über den Tod. Die Chorsängerinnen und -sänger setzten zu einer mächtigen Reprise an, die von den Solistinnen Yoonsoo Shin (Sopran) und Isabell Czarnecki (Alt) begleitet wurde, bevor das Orchester mit einer euphorischen Wucht die endgültige Vision der Auferstehung zum Leben erweckte. Der dramatische Ausbruch des Orchesters wurde durch den Klang von Glocken verstärkt und untermauerte den Schlusspunkt des Werkes.
Mahler in der Blasorchester-Fassung
Eine Mahler-Sinfonie gespielt von einem Blasorchester? Das ist außergewöhnlich, aber funktioniert – unter der Voraussetzung, dass die musikalischen Emotionen nicht verloren gehen. Und das ist dem Orchester, den Chören und den Solistinnen perfekt gelungen. Dirigent Johann Mösenbichler zieht ein Fazit: „Natürlich klingt es anders – vor allem wenn man auf einen Symphonieorchesterklang eingehört ist – die Emotionen wurden aber bestens transportiert, wie auch im Nachhinein vom Konzertpublikum festgestellt. Dadurch konnte sich das Ohr schon nach kurzer Zeit an die wunderbaren Bläserklänge gewöhnen.“
Ein unvergessliches Erlebnis für alle Mitwirkenden
Das Nordbayerische Jugendblasorchester, das Orchester WiBraPhon, die Chöre sowie beide Solistinnen zeigten mit ihrem Dirigenten bei allen drei Aufführungen eine außergewöhnliche Leistung. Besonders bemerkenswert war das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Ensembles, das die enorme Kraft und die feinen Nuancen von Mahlers Musik perfekt zur Geltung brachte. Die Orchester und Chöre setzten sich aus professionellen Musikerinnen und Musikern, Musikstudierenden sowie ambitionierten Laien zusammen. Das Werk wurde während drei intensiven Probenwochenenden gemeinsam erarbeitet. Dirigent Mösenbichler ist stolz auf sein Orchester: „Für mich ist es wieder einmal ein großer Beweis, wie leistungsfähig auch gute und sehr engagierte Amateurorchester sein können. Zudem hatten bei diesem Projekt sehr viele Musikerinnen und Musiker auf der Bühne die einmalige Chance dieses Meisterwerk überhaupt aktiv aufführen zu können.“ Das kann auch Klarinettistin Theresa bestätigen: „Diese Sinfonie zu spielen ist etwas Besonderes. Wenn dann noch die komplett neue Besetzung und das dadurch neue Klangerlebnis dazukommen, macht es das zu einem einmaligen musikalischen und emotionalen Erlebnis.“
Auch NBMB-Präsident Manfred Ländner MdL a.D. war begeistert: „Ein großartiges Erlebnis und ein tolles Zeichen für Engagement und Leistungsfähigkeit der Laienmusik. Meinen aufrichtigen Dank an alle Akteure sowie an die Zuschussgeber und die Verantwortlichen für die Organisation, allen voran unserer Geschäftsstelle, ohne die ein solches Großprojekt nicht möglich wäre.“ Die Auferstehungssinfonie war ein unvergessliches Highlight für das Publikum, das die Musikerinnen und Musiker bei jedem Konzert mit Standing Ovations belohnte – und in der Blasorchester-Fassung ein Leuchtturm-Projekt, das weit über Nordbayern hinaus für Aufmerksamkeit sorgte.
Fotos: Konstantin Articus


