WÜRZBURG – Nicht nur ein Datum im Geschichtsbuch, nicht nur blanke Zahlen, nicht nur ein namenloser Ort: „Der 16. März 1945 war eine Zäsur. Die Zeit blieb stehen, als Würzburg in Flammen aufging. Der Boden hier trägt diese Wunden der Geschichte in sich. Er ist nicht nur ein Fleckchen Erde, er ist – eine Grabstätte.“
Oberbürgermeister Martin Heilig nahm bei der zentralen Gedenkfeier zum Jahrestag der Zerstörung Würzburgs Einzelschicksale in den Blick.
Bewegt gab er Erinnerungen der Zeitzeugen, Trümmerfrauen und -männer wieder, die er bei dem städtischen Zeitzeugen-Empfang kürzlich erst getroffen hatte; Erinnerungen, die 81 Jahre später immer noch lebendig sind: „Das Kind, das als Waise aufwuchs; die Mutter, die in größter Verzweiflung ihre Familie in den Trümmern suchte; der alte Menschen, der alles verlor, was ein Leben lang Halt gegeben hatte; der Verlust der Brüder, die nie wieder gefunden wurden und hier begraben sind, an dieser Stelle vor dem Hauptfriedhof, in einem Massengrab.“ Und weiter: „Dieser Ort ist ein stummer Zeuge der Vernichtung; die schreckliche Folge von Größenwahn, Hass und einem verbrecherischen Regime, das diesen Krieg in die Welt getragen hatte.“ Als Folge dessen hatten die Bomben der Alliierten das Land der Täter im Visier und ganz am Ende des Krieges, als alles vorbei schien, wurde auch das barocke Würzburg in Schutt und Asche gelegt. „In nur 20 Minuten trafen die Bomben nicht nur Gebäude, Kirchen, Kunstwerke. Sie trafen Familien, Kinder, Alte, Unschuldige. Über 3.000 Menschen verloren in dieser Schreckensnacht ihr Leben“, so Heilig. „Unsere Stadt hörte auf, die Stadt zu sein, zu der sie über Jahrhunderte herangewachsen war.“
Der Oberbürgermeister forderte aber auch dazu auf, den Weg zu würdigen, den Würzburg seither gegangen sei: „Ein Weg, der aus der Asche nicht zur Verbitterung führte, sondern zur Versöhnung. Der Klang der Versöhnungsglocke ist wie eine Predigt ohne Worte. Sie wurde aus Metall gefertigt, das aus russischen Granaten stammt und verkörpert damit die radikalste Form der Umwandlung: Werkzeuge des Todes wurden zu einem Instrument des Friedens. Ihr Läuten mahnt uns, dass Zerstörung niemals das letzte Wort haben darf, auch nicht in der heutigen Zeit mit den kriegerischen Auseinandersetzungen auf der ganzen Welt. Lassen wir die Glocke in unseren Herzen nachklingen.“
Mit der Übergabe des Wandernagelkreuzes und der Versöhnungsstatue an die Würzburger Diakonie rückte Heilig den Gedanken in den Fokus, dass Versöhnung dort beginne, wo die Not von anderen gesehen werde: „Weil Frieden nicht nur die Abwesenheit von Bomben ist, sondern die Anwesenheit von sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Zuwendung. Möge das Wandernagelkreuz in den Einrichtungen der Diakonie Segen bringen und uns daran erinnern, dass wir füreinander verantwortlich sind. Würzburg ist eine Stadt des Friedens geworden, weil wir gelernt haben, uns zu erinnern. Bleiben wir wachsam. Bleiben wir solidarisch. Und vor allem: Bleiben wir einander in Versöhnung eng verbunden!“ Durch das Gedenken an die Tragödie des Zweiten Weltkriegs und das anschließende Beschreiten des Versöhnungswegs bleibe der 16. März „eine dauerhafte Verpflichtung für unser Handeln in der Gegenwart“, so der Oberbürgermeister.
Auf dem Bild: Gedenken an das Leid des Krieges. Oberbürgermeister Martin Heilig legte mit den beiden Bürgermeisterinnen Dr. Sandra Vorlová (li.) und Judith Roth-Jörg (re.) einen Gedenkkranz am Mahnmal 16. März 1945 nieder. Foto: Claudia Lother

