WÜRZBURG – Blaue Blumen und bräunliche Felder vor einem grünen Himmel. Ein Mann steht inmitten der Blumen, ein zweiter kauert vor ihm am Boden. Das Bild wirkt seltsam verrutscht, als hätte man es in drei Streifen geschnitten und ein bisschen nachlässig wieder zusammengeklebt.
Dem stehenden Mann fehlt oberhalb der Nase der restliche Kopf. Das also verbirgt sich hinter „Öl und Acryl auf Leinwand, 2021“. Unter diesem geheimnisvollen Titel hat das Museum am Dom (MAD) in Würzburg zur zweiten Auflage des Formats „bilder:zeit – Eine Stunde bei einem Kunstwerk verweilen“ eingeladen. Der Gedanke dahinter: „Wie verändert sich der Blick, wenn wir einem einzigen Kunstwerk Zeit schenken?“ Ein Dutzend Männer und Frauen nehmen sich an diesem Abend eine Stunde Zeit, um Kunst einmal auf eine andere Art zu erleben.
„Wie ist das Bild aufgebaut? Welche Farben kommen darin vor?“ Behutsam lenken Maria Walter, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im MAD, und Akademikerseelsorger Michael Ottl, Leiter der „zwischen:zeit“, die Aufmerksamkeit auf erste Details. „Wir wollen uns in das Bild hineinmalen“, ermuntert Ottl. Auf einem Stuhl liegen Schachteln mit Farbstiften, es gibt weiße Papierbögen in unterschiedlichen Größen. Alle greifen zu, und dann hört man eine Weile nur noch Stifte, die über Papier fahren, ab und an das leise Knarzen eines Stuhls. Mein Bild besteht hauptsächlich aus waagrechten Reihen blauer Kleckse – die Blumen – vor verschiedenfarbigen Hintergründen. Aus dem stehenden Mann wird mangels Zeichentalent etwas, das an einen Baumstamm mit einem herausragenden Ast erinnert.
Nach einer Weile unterbricht Walter die Stille. „Wir sammeln nun Fragen an das Werk“, sagt sie und fängt selbst an: „Warum wirkt das so zerschnitten?“ Eine Frau meldet sich: „Hilft der stehende Mann dem anderen, oder behindert er ihn?“ „Welche Tageszeit haben wir eigentlich?“, will jemand wissen. „Wer wohnt in diesem Haus?“, fragt ein Mann. Schweigen. Tatsächlich, in der rechten Ecke des unteren Drittels ist ein Haus mit Steildach zu sehen. Es hat genau die gleiche Farbe wie die Felder, hinter denen es steht. „Das Haus ist mir erst gar nicht aufgefallen“, sagt jemand. Der Nächste meldet sich: „Das Haus passt nicht zu den oberen Häusern.“ Die Häuser darüber sind grün, haben hellere Dächer, und aus ihrer Mitte ragt ein Kirchturm. „Die Kirchturmspitze hat die gleiche Farbe wie der Mantel“, bemerkt eine Frau. Stimmt, der stehende Mann trägt einen grünen Mantel mit einem floralen Muster, der nur ein wenig dunkler ist als der Kirchturm. Und der Kirchturm ist einen Tick dunkler als der grüne Himmel.
Die Aufmerksamkeit konzentriert sich nun auf die beiden Männer, die auf dem Bild zu sehen sind. Durch das Gesicht des stehenden Mannes zieht sich eine tiefe senkrechte Falte. Mit der rechten Hand umfasst er das rechte Handgelenk des kauernden Mannes. Sie habe es eigentlich als „helfende Geste“ empfunden, sagt eine Frau: „Aber mich stört diese Strenge in seinem Gesicht.“ So fühle man aber auch den Puls eines Menschen, wirft jemand ein. Auch Ottl findet, dass die Geste nicht ganz eindeutig ist. „Aber für mich hat sie etwas sehr Achtsames“, sagt er nachdenklich.
Es wird Zeit für ein wenig Hintergrund. Das Bild heißt „Vater und Sohn“, erfahren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Der deutsch-tschechische Künstler Jaroslav Drazil (www.jaroslav-drazil.com) hat es gemalt als Teil seines elfteiligen Zyklus „Factum est“ zum Neuen Testament. Er habe versucht, eine neue Bildersprache für die Welt des Neuen Testaments zu finden, sagt Walter. Bei den beiden Personen handele es sich um Gottvater und Jesus. Die auffällige Dreiteilung des Bildes stehe für die Dreifaltigkeit. In allen drei Bildabschnitten blühen Blumen – als Symbol für den Heiligen Geist. „Blumen und Blüten ziehen sich durch den ganzen Zyklus. In unterschiedlichen Farben und Größen, aber auf allen elf Bildern“, sagt Walter. Die kleinen goldenen Akzente wiederum, die einer Frau beim ersten Betrachten besonders aufgefallen sind, lassen „die göttliche Welt durchschimmern“, erklärt Walter.
Vieles bleibt aber auch ungeklärt, und das mit Absicht. So wie die Hand des Vaters, die das Handgelenk des Sohnes umfasst. „Es ist offen, was hier geschieht, und ob überhaupt etwas geschieht“, sagt Walter. Drazil sei wichtig, dass seine Werke viel Platz für Interpretationen lassen. Er wolle „die Freude an einem Rest Unerklärlichkeit“ bewahren, zitiert sie den Künstler. Das ist im Grunde auch die Idee hinter der „bilder:zeit“ – es geht nicht darum, ein Kunstwerk zu „verstehen“, sondern es wahrzunehmen und sich davon berühren zu lassen.
Die Stunde ist wie im Flug vergangen. Ottl lädt alle noch zu einem „bewussten Abschluss“ ein – ein kurzes Innehalten, um die neuen Eindrücke aufzunehmen. Ein wenig habe das Museum noch geöffnet, heißt es. Und schon gehen die Gespräche weiter. Immer neue Details fallen auf und werden diskutiert, zum Beispiel: Hat Jesus auf dem Bild einen Fuß aufgestellt, oder stützt er sich auf seine linke Hand?
Das Format „bilder:zeit – Eine Stunde bei einem Kunstwerk verweilen“ ist eine Kooperation des Museums am Dom mit „zwischen:zeit“ (vormals Katholische Akademikerseelsorge). Es wird begleitet von Maria Walter, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im MAD, und Michael Ottl, Leiter der „zwischen:zeit“. Die Teilnahme kostet pro Person fünf Euro. Der nächste Termin ist am Mittwoch, 11. März, von 19.30 bis 20.30 Uhr, und steht unter dem Titel „Eschenholz, 2014“. Anmeldung bis Mittwoch, 4. März, per E-Mail an michael.ottl@khg-wuerzburg.de.
sti (POW)
Auf dem Bild © Kerstin Schmeiser-Weiß (POW) | Ein Dutzend Männer und Frauen nehmen sich bei der „bilder:zeit“ eine Stunde Zeit für ein Kunstwerk.

