„Gastronomie gehört zu den Rekord-Branchen der Tarifflucht“: Trotz „Schnitzel-Steuergeschenk“: Viele Wirte knausern beim Lohn

„Gastronomie gehört zu den Rekord-Branchen der Tarifflucht“: Trotz „Schnitzel-Steuergeschenk“: Viele Wirte knausern beim Lohn
Foto: NGG | Alireza Khalili

MAINFRANKEN – Die rund 160 Gastro-Betriebe in Schweinfurt profitieren – viele Beschäftigte gehen leer aus: Hotels, Restaurants und Gaststätten müssen seit Jahresbeginn deutlich weniger Mehrwertsteuer bezahlen – nämlich nur noch 7 statt 19 Prozent.

„Von jedem 10-Euro-Schein, den der Gast im Restaurant lässt, bleiben dadurch rund 95 Cent zusätzlich für den Gastronomen übrig. Das Geld landet zwar in der Kasse – aber nicht im Portemonnaie der Beschäftigten“, sagt Ibo Ocak von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).

Auch der Gast merke von dem Steuergeschenk, das die Bundesregierung den Gastronomen gemacht habe, so gut wie nichts: „Ein Rutscheffekt der Preise auf den Speisekarten in Schweinfurt ist wie erwartet ausgeblieben“, so Ibo Ocak. Der Geschäftsführer der NGG Unterfranken wird deutlich: „Da hat die Bundesregierung die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn die allermeisten Gastronomen in Schweinfurt stecken das Geld, das durch das Schnitzel-Steuergeschenk für sie übrig bleibt, in die eigene Tasche“, sagt Ocak.

Und es sei eigentlich „alles noch viel schlimmer“: „Denn gleichzeitig bezahlen viele Gastronomen ihren Beschäftigten in der Küche und im Service nur den gesetzlichen Mindestlohn. Das ist schäbig. Und noch dreister wird es, wenn sich Gastwirte oder Restaurantbesitzer auch noch darüber beklagen, dass sie 1 Euro und 8 Cent beim Stundenlohn draufzahlen müssen, weil der gesetzliche Mindestlohn zum Jahresbeginn auf 13,90 Euro pro Stunde gestiegen ist. Das ist jedoch das absolute Minimum“, sagt Ibo Ocak.

Der Geschäftsführer der NGG Unterfranken warnt vor „unschöner Gastronomen-Gier“: „Wer seine Beschäftigten in der Küche oder im Service mit dem Mindestlohn abspeist, bezahlt keinen anständigen Lohn. Entscheidend und wirklich fair ist nur der Tariflohn“, so Ocak. Der liege für eine gelernte und erfahrene Fachkraft in Bayerns Gastronomie bei immerhin 19,62 Euro pro Stunde.

Doch ein Großteil der gastronomischen Betriebe in Schweinfurt betreibe „systematisch Tarifflucht“: „Viele Gastwirte und Hoteliers in Schweinfurt schlagen einen weiten Bogen um den Tariflohn. Und damit auch um Zuschläge an Sonn- und Feiertagen und um Urlaubsregelungen“, so Ibo Ocak. Die Gastronomie gehöre zu den „Rekord-Branchen der Tarifflucht“. Hierfür sei gerade der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA Bayern) verantwortlich, so die Gewerkschaft.

„Viele der Gastro-Beschäftigten kommen so beim Lohn zu kurz“, kritisiert Ocak. Insgesamt arbeiten in Schweinfurt nach Angaben der NGG Unterfranken rund 1.570 Beschäftigte in der Gastro-Branche – von der Küche über den Service bis zur Hotelrezeption. Die Gewerkschaft beruft sich dabei auf Zahlen der Arbeitsagentur.

Wer in Schweinfurt in der Gastronomie arbeitet, kann seinen Lohnzettel bei der NGG Unterfranken prüfen lassen und dabei auch mehr über den aktuellen Tariflohn erfahren: (0931) 150 86-0 | region.unterfranken@ngg.net.

Im Landkreis Schweinfurt arbeiten in rund 110 Gastro-Betrieben in etwa 830 Beschäftigte, im Landkreis Haßberge sind es 130 Betriebe mit 1.010 Beschäftigten, im Landkreis Rhön-Grabfeld 150 mit 1.600. Für die Städte Würzburg, Kitzingen, Bad Kissingen und Aschaffenburg und die dezu gehörenden Kreis oder die Landkreise Miltenberg oder Main-Spessart kennt die NGG Unterfranken anscheinend keine Zahlen oder will sie nicht nennen.

Auf dem Bild: Jeder Schnitzelteller wirft mehr für den Wirt ab: Die Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 7 Prozent macht’s möglich. „Trotzdem knausern viele Wirte beim Lohn: Sie bezahlen den Gastro-Beschäftigten nur den gesetzlichen Mindestlohn. Um den fairen Tariflohn machen sie aber einen weiten Bogen“, sagt Ibo Ocak von der Gastro-Gewerkschaft NGG Unterfranken.
Foto: NGG | Alireza Khalili

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