WÜRZBURG – Durch eine große, schwere Holztür in der Rosengasse 14 in Würzburg geht es über einen kleinen Hof in die Wachswarenfabrik Theodor Schenk. Beim Betreten steigt der Duft von Kerzenwachs in die Nase, und die Kälte weicht einer wohligen Wärme.
Dort, wo keine großen Maschinen oder Wachsfässer stehen, sind auf dem dunklen Steinboden kleine Macken und knopfgroße Wachsflecken sichtbar. Aus Nebenräumen sind Maschinengeräusche zu hören. In der Mitte der Fabrikhalle fallen goldfarbene Kerzen auf, die wie Kronleuchter an vielen kleinen Haken von der Decke hängen. Sie haben eine glänzende, glatte Oberfläche, mit getrockneten Tröpfchen am Ende der Kerze. Daneben hängen weitere Kerzen mit rauer, matter Oberfläche. Sie wirken wie eine unfertige Kopie der goldglänzenden Exemplare.
„Die werden nachher noch eingetaucht“, sagt Martin Schenk und öffnet ein Fass mit flüssigem Wachs. Er ist Wachsziehermeister und einer der Eigentümer des Fachbetriebs, der in der neunten Generation geführt wird. Sein Blick fällt in die Ecke des Raumes, wo eine kleine Sammlung verschiedener Kerzen steht, die bereits halb abgebrannt sind. „Hier testen wir die Brenndauer der Kerzen“, sagt Schenk und pustet eine Kerze aus.
Er guckt auf die Uhr und geht weiter durch die Fabrikhalle. Vorbei an Beschäftigten, die Kerzen schneiden oder einpacken, geht er in einen großen Glaskasten in der Mitte der Fabrikhalle hinein. Als die Tür zufällt, wird es plötzlich ruhig. Die Maschinen sind nur noch leise Hintergrundgeräusche. An diesem Ruheort der Wachswarenfabrik arbeiten Schenks Mutter, Theresia Schenk, und seine Schwester, Michaela Kraft. Beide sind Wachsbildnerinnen und Miteigentümerinnen des Fachbetriebs. Sie verzieren hier täglich verschiedene Kerzen. Osterkerzen, Weihnachtskerzen oder Jubiläumskerzen brauchen eine ruhige Hand und viel Geduld. Mit ihrem Werkzeug hantieren sie wie bei einer Operation, um die Kerzen zu verzieren.
Zurück in der Fabrikhalle geht Schenk zu einer länglichen, breiten Maschine und schaltet sie ein. Es handelt sich um eine Wachszugmaschine aus 1949, das Herzstück der Fabrik. Sie wird vor allem für die Herstellung von Christbaumkerzen eingesetzt. Auf zwei großen, sich drehenden Walzen, den Zugtrommeln, sind 386 Meter Kerzendocht aufgespannt. Die Enden des Dochts sind miteinander verbunden. So entsteht ein Kreislauf, in dem der Docht konstant durch ein Becken mit flüssigem, dampfendem Wachs gezogen wird. Nach dem Wachsbecken wird der Docht glattgestrichen und begradigt, damit keine Wachsrückstände zurückbleiben. Auf dem langen Weg über die Zugtrommeln kühlt das Wachs ab. Im Wachsbecken wird dann eine weitere Schicht Wachs auf den Docht aufgetragen. Schenk begutachtet den Prozess genau. Immer wieder streicht er leicht über die Fäden, die noch so dünn aussehen, als ob sie schon bei der kleinsten Berührung reißen könnten.
„Das Ziehen, wie wir es hier machen, ist eine altes Handwerk. Das macht heute fast keiner mehr“, sagt Schenk. Größere Betriebe, welche die Kerzenherstellung voll automatisiert haben, können Kerzen schneller und billiger produzieren. Auch die Berufsbezeichnung Kerzenzieher gebe es nach einer EU-Verordnung streng genommen nicht mehr. Martin Schenk hält dennoch an dem traditionellen Verfahren fest: „Die Qualität der gezogenen Kerze aus Bienenwachs ist immer noch unübertroffen.“ Gerade in der Kirche müssten die Kerzen bestimmte Anforderungen erfüllen. „In einer Kirche ist es normalerweise recht kühl, aber durch die vielen Leute wird es auch mal wärmer und dann geht auch mal ein Luftzug durch die Kirche“, sagt Schenk.
In diesem Jahr feiert die Wachswarenfabrik Theodor Schenk ihr 275-jähriges Bestehen. Martin Schenk sagt, dass jede Generation mit den Herausforderungen der Zeit umgehen musste: Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg oder Währungsreform. In der heutigen Zeit seien vor allem der fehlende Priester- und Ordensnachwuchs und die Kirchenaustritte ein Problem. „Wenn kein Gottesdienst mehr gefeiert wird, braucht es auch keine Kerzen mehr“, sagt Schenk. Was die Christbaumkerzen angeht, bemerke er in den vergangenen Jahren eine steigende Nachfrage: „Die Menschen erinnern sich daran, wie schön es ist echte Kerzen am Christbaum zu haben.“
Immer wieder ertönt ein Rattern, wenn er durch kleine Handgriffe Änderungen an der Maschine vornimmt. Nach ungefähr einer Stunde sind aus den dünnen Dochtfäden weiße, stiftdicke Wachsstränge geworden. Sie gleichen jetzt mehr einer Vielzahl an dicken Nudeln. Dennoch ist es noch ein weiter Weg bis zur fertigen Christbaumkerze. Zuvor müssen erst einzelne Kerzenstücke geschnitten werden, welche noch gefräst und händisch einzeln gesäubert werden müssen. Aus der 386 Meter langen Dochtschnur werden am Ende knapp 3000 Christbaumkerzen, was ungefähr 175 Päckchen ergibt. Kurze Zeit später ist die richtige Dicke der Kerzen erreicht. Schenk verlangsamt die Walzen der Maschine. Die Kerzen müssten erst abkühlen, bevor es weitergeht. Erfolgt das Abkühlen zu schnell, könnten die Kerzen brechen.
Nach etwa zehn Minuten trennt Schenk mit einem Messer den Kreislauf des mit Wachs überzogenen Kerzendochts. Die beiden Enden werden dann durch zwei kleine Ringe in die Schienen einer Schneidemaschine geleitet. Nach einem Knopfdruck hin ertönt ein lautes Zischen und Klacken. Die längliche Maschine schneidet rhythmisch im Takt den eingeführten Kerzenstrang. Im nächsten Schritt werden die geschnittenen Kerzenstücke von der Maschine gefräst. Damit erhalten sie den typischen konisch zulaufenden Kerzenkopf. Danach werden die Kerzen automatisch in ein Auffangbecken geleitet und von Mitarbeiterinnen in eine Holzkiste gelegt.
Nach einem kurzen und skeptischen Blick auf die fertigen Stücke nimmt Schenk eine abgeschnittene Kerze in die Hand und legt einen Zollstock an. Die Maschine hat die Stücke minimal zu groß geschnitten. Schenk hat das mit bloßem Auge sofort erkannt. Nach kurzem Anpassen des Maschinenarms geht es weiter. Nach und nach füllt sich die Holzkiste mit Kerzen. Nachdem die letzte Kerze geschnitten und gefräst ist, schaltet Schenk die Maschine aus. Die Holzkiste tragen er und eine Mitarbeiterin unter großer Anstrengung in das Lager, wo schon etliche mit Kerzen gefüllte Kisten stehen.
Für Martin Schenk, ein gläubiger Christ, ist das Herstellen von Kerzen für Kirchen oder Christbäumen etwas Besonderes. Seine Arbeit sei für ihn und sein Team eng mit dem Glauben verbunden: „Wenn ich Opferkerzen herstelle und dann die fertigen Kerzen abends angucke, denke ich: Jede Kerze steht für eine Bitte, einen Dank oder ein Gebet.“ Während das Dampfen und Klacken der Maschinen im Hintergrund ertönt, sagt er: „Alle Kerzen brennen am Ende für den lieben Gott.“
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Auf den Fotos:
© Paul Frigger (POW) | Der mit Kerzenwachs überzogene Docht wird nun in eine Schneidemaschine eingeführt.
© Paul Frigger (POW) | Manche Kerzen wurden bereits eingetaucht und trocknen gerade.
© Paul Frigger (POW) | Martin Schenk vor den Toren der Wachswarenfabrik Theodor Schenk in der Würtzburger Rosengasse 14.



