KITZINGEN – Am 14. November um 19.15 Uhr fand im Volkshochschulsaal im Luitpoldbau eine Buchvorstellung und Lesung der besonderen Art statt. Es ging um Winfried Weiss und seinen autobiographischen Roman „A Nazi Childhood“, vom in Deutschland bisher nur knappe Auszüge veröffentlicht wurden.
Der Roman erschien erstmals 1983 in einer gekürzten und leider auch zensierten Fassung. Eine unzensierte Fassung folgte 2001. Vom deutschen Literaturbetrieb wurde im Gegensatz zum englischsprachigen Raum der Roman bis auf den heutigen Tag nicht zur Kenntnis genommen.
Winfried Weiss wurde am 10. November 1937 im unterfränkischen Pfarrweisach geboren. Er emigrierte 1956 in die USA und absolvierte im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eine erstaunliche wissenschaftliche und schriftstellerische Karriere. Er verstarb 1991 im Alter von nur 54 Jahren.
Für die inhaltliche und künstlerische Gestaltung des Abends zeichneten Stadtarchivarin Doris Badel sowie Georg Kwossek, Antje Pöllot (beide Lesung), Stephan Eitel (E-Piano) und Ralf Brösamle (Violine) verantwortlich. Doris Badel skizzierte in ihrem Vortrag den Lebensweg von Winfried Weiss und berichtete darüber, wie man in Kitzingen in diesem Jahr auf ihn und sein Werk aufmerksam wurde. Georg Kwossek, der Initiator der Lesung, hob in seiner kurzen Einführung hervor, dass die Lesung vom 2001 erschienenen unzensierten Originaltext ausgeht, was umfangreiche Übersetzungsarbeiten erforderlich machte.
Die nun folgende szenische Lesung von Weiss´ Roman thematisierte die Vorgeschichte des Krieges, die Kriegsereignisse, die antisemitische Grundstimmung in der fränkischen Provinz, die Deportation der Kitzinger Juden im Jahr 1942, den Bombenangriff auf Kitzingen am 23. Februar 1945 und die Einnahme Kitzingens durch die Amerikaner am 5. April 1945.
Stephan Eitel und Ralf Brösamle kommentierten zentrale Textpassagen durch eine Reihe von musikalischen Einlagen. Besonders beeindruckend war der Vortrag des Trauermarsches aus der „Götterdämmerung“, dem letzten Teil von Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“.
Für Antje Pöllot, Georg Kwossek, Stephan Eitel und Ralf Brösamle gab es einen langen Applaus des Publikums, das der über 90 Minuten dauernden Lesung mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt war. Ein gelungener Abend zu Ehren von Winfried Weiss und der kraftvollen Sprache seines Romans. Es bleibt zu hoffen, dass ihm in seiner Heimatstadt ein Andenken bewahrt wird und sich für seinen großartigen Roman endlich ein deutscher Verlag findet.
Auf den Bildern: Georg Kwossek und Antje Pöllot bei der Lesung. Fotos: Walter Vierrether

