Einer der letzten Zeitzeugen der Euthanasie: Die Lebenshilfe Schweinfurt nahm Abschied von Rudi Vogtmann

Einer der letzten Zeitzeugen der Euthanasie: Die Lebenshilfe Schweinfurt nahm Abschied von Rudi Vogtmann

SCHWEINFURT – In der Regel veröffentlicht die Lebenshilfe Schweinfurt keine öffentlichen Nachrufe auf verstorbene Bewohnerinnen und Bewohner. „Doch diese Situation ist keine Regel“, betont Sascha Turtschany, der Einrichtungsleiter der zur Lebenshilfe Schweinfurt gehörenden Wohnheime.

Denn mit dem am 18. Oktober 2025 verstorbenen Rudolf „Rudi“ Vogtmann ist nicht nur ein langjähriger Wohnheimbewohner verschieden. Vogtmann war auch einer der letzten Zeitzeugen der Euthanasie, der Ermordung zahlreicher behinderter und kranker Menschen durch die Nationalsozialisten.

Am 8. April 1933 mit einer zerebralen Bewegungsstörung geboren, lebte Vogtmann zur Zeit des Nationalsozialismus mit anderen Kindern in einer Einrichtung in Deutschland. In Gesprächen berichtete er rückblickend, wie Kinder aus dieser Einrichtung deportiert wurden. Wie er, vielleicht durch Zufall, von einer Oberschwester zurückgehalten und so gerettet wurde. Wie er eines Abends mit 15 Kindern im Schlafsaal zu Bett ging und am nächsten Morgen nur noch mit zwei anderen aufwachte.

Ab 1985 lebte Vogtmann in einem Schweinfurter Lebenshilfe-Wohnheim. Man kannte ihn als Dreiradfahrer, als echtes Original, als Menschen mit Haltung. „In einer Zeit, in der in Deutschland wieder Stimmen laut werden, die die Würde und Unantastbarkeit eins Menschenlebens infrage stellen, erinnert uns Rudi Vogtmanns Tod daran, dass ein selbstbestimmtes, freies Leben für alle Menschen keine Selbstverständlichkeit ist“, sagt Turtschany. Die Lebenshilfe Schweinfurt stehe seit jeher für ein inklusives, menschliches und demokratisches Miteinander und werde sich auch in Zukunft dafür einsetzen.

In der Stadt Schweinfurt, in Hammelburg und in Fuchsstadt betreibt die Lebenshilfe Schweinfurt insgesamt 22 Wohn- und Wohnpflegeheime sowie verschiedene Seniorentagesgruppen. Rund 300 Menschen mit Behinderung finden dort ein sicheres und unterstützendes Zuhause.

Auf dem Bild: Ein Mensch mit Haltung: Rudolf „Rudi“ Vogtmann lebte bis zu seinem Tod im Oktober 2025 in einem Wohnheim der Lebenshilfe Schweinfurt und war ein Zeitzeuge der Euthanasie der Nationalsozialisten.
Foto: privat

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert