Spitze Zungen: Was der Ellertshäuser See mit einem Duschvorhang zu tun hat

Spitze Zungen: Was der Ellertshäuser See mit einem Duschvorhang zu tun hat

Es gibt Momente, in denen wir den Glauben verlieren – nicht an Gott, nicht an die Menschheit, sondern an die Versiegelungskraft von Textilien. Zum Beispiel: beim Duschen.

Denn der Duschvorhang – dieses textile Versprechen von Ordnung und Trockenheit – ist nie ganz dicht. Und je länger man drunter steht, desto klarer wird: Das ist kein Unfall. Das ist Absicht.

Er lässt Wasser durch. Immer. Nicht viel. Nur so viel, dass der Badvorleger feucht ist und man nach dem Duschen nicht erfrischt, sondern systemisch betrogen in die Fliesenwelt tritt. Der Duschvorhang ist das perfekte Symbol unserer Gegenwart: Man denkt, er schützt einen – aber in Wirklichkeit ist er eine halbdurchlässige Illusion, ein nasser Kompromiss.

Und genau dieses Prinzip finden wir in der Region Schweinfurt wieder – beim Ellertshäuser See, diesem Naherholungsgebiet, das so tut, als wäre es ein natürliches Idyll, aber in Wahrheit ein künstlich befüllter Abfluss mit Fränkischem Flair ist.

Man fährt hin, denkt sich: „Hier finde ich Ruhe.“ Und zack – sind da Menschen. Mit Pavillons, Bluetooth-Boxen und Kindern, die „Papa, warum riecht das Wasser nach Duschgel?“ fragen. Der See ist der Duschvorhang der Region: optisch beruhigend, funktional lückenhaft, und von allen überfordert, die versuchen, ihn ernst zu nehmen.

Der Duschvorhang verspricht: „Ich halte alles zurück.“ Der Ellertshäuser See verspricht: „Ich bin Natur.“ Beide lügen. Im Duschvorhang kommt das Wasser durch. Am See die SUVs, die Einweggrills, das Techno-Gebolze. Die Natur hat da schon längst gekündigt. Nur das Schild „Naturschutzgebiet“ bleibt, wie der nasse Badvorleger: Symbol einer Idee, die nie eingelöst wurde.

Wie der Duschvorhang, der sich plötzlich nach innen wölbt (ja, das macht er wirklich, wie ein feuchtes Raumschiff auf Kuschelkurs), so ist auch das regionale Freizeitkonzept ständig dabei, sich selbst in den Weg zu hängen. Man will Ruhe, bekommt Staubpiste. Man will Klarheit, bekommt Algen. Man will Erholung – und steht dann in Adiletten zwischen 400 Litern Sonnencreme und drei Ja!-Sektpullen.

Der Duschvorhang tropft, der Ellertshäuser See lärmt, und das System funktioniert nur, solange man nicht zu genau hinschaut. Die Dichtigkeit ist nie vollständig. Sie war nie geplant. Und genau das ist das Problem. Oder, wie es ein Mufflon im Wildpark Schweinfurt ausdrücken würde: „Mecker.“

Fabian Riedner für www.mainfranken.news

Fotomontage: Bild von Eric Simon auf Pixabay / Bild von IKEA.com

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